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Birne voll, Tank leer

Heute ist Sonntag. Wochenende. Drei Wochen voller Arbeit, Spaß, lustiger Abende in den Gastfamilien oder im Billard liegen hinter uns. Eindrücke und Erfahrungen von morgens bis abends sind für einige von uns Grund genug, die zweieinhalb Tage vor dem Endspurt in der letzten Woche noch einmal für Vollentspannung am Strand zu nutzen. Wer geblieben ist, so wie ich, konnte gestern Abend die Mädchenband sehen und hören, Donnerwetter! Auf der Bühne vor dem Gebäude des Kulturzentrums haben Carolina, Carla, Anita, Vicky und Isaac richtig Dampf gemacht!

Auf dem Programm stehen diese Tage sonst Fussball, Sonne, Bandproben, Pause, Eis, Klönen, ein bisschen Unterricht und – wenn daraus noch etwas wird, man weiß es selten im Voraus – ein Demotape für die Band D’Magda. Und ich habe Zeit für mich, Bilder und Filmaufnahmen zu sortieren oder Post zu beantworten, lauter Dinge, die ich unter der Woche nur selten schaffe.

Zugegeben, langsam wächst meine Spannung auf zu Hause. Gar nicht weil es hier nicht schön wäre, ganz im Gegenteil, vielmehr juckt es mich, dass Cici und ich technisch bedingt keine Möglichkeit haben, unsere Aufnahmen mal anzusehen. Uns bleibt das Display der Kamera – aber wie die Bilder in groß wirken und der Ton durch echte Lautsprecher klingt, das wissen wir erst zu Hause. Moderne Technik, und trotzdem wächst die Spannung wie ‚damals’, als man seine Fotos erst zu Hause entwickeln lassen konnte…

Wenn ich nicht im Projekt beschäftigt bin beobachte ich verwundert, begeistert, überrascht und amüsiert wie am ersten Tag die Ecuadorianer und… zum Beispiel ihren Fahrstil. 80% der Autos befinden sich in einem Zustand jenseits von schön, jenseits von heil und weit, weit jenseits von erlaubt oder Vertrauen erweckend. Aber die Dinger fahren, und das ist entscheidend. Sie fahren auch, wenn sie um sicher mehr als das Dreifache ihrer (bei uns) zugelassenen Fracht mit Bananen überladen sind und wenn 15 Personen auf einem Picup sitzen, bei dem ich mich schon im Leerzustand wundere, dass es auch nur still stehen kann, schafft es der Fahrer, das Gefährt mit einer Eleganz über die Silos und Müllhaufen der schotterigen Guasmo-Straßen zu fahren, dass ich mich dabei ertappe, wie ich ein freundschaftliches Verhältnis zu der heiligen Plastikmaria am Rückspiegel aufbaue. Über den Zustand der Fahrzeuge, deren Besitzer ihr Armaturenbrett hinter dem Steuer durch eine Art Altar ersetzt haben, möchte ich nichts wissen. Es ist ein bisschen so, als würde man eine betagte Person, bereits am Gehwagen und mit Stock, durch ein besonderes inniges Verhältnis zu einer sportlichen Höchstleistung anfeuern. Und es klappt!

Im Übrigen lassen sich Fahrzeuge recht gut durch ihre äußeren Werte voneinander unterscheiden. Die neueren, eher selten überladenen Fahrzeuge kommen von Opel, dem gegenüber steht der Lada, ein Zwergkraftwagen, der unauffällig aber wirksam durch Dellen, fehlende Lichter und offene Türen und Klappen und mitunter einer Schräglage, wie man sie nur von der Ente kennt, getarnt ist. Zu den schönsten und am besten gepflegten Autos zählt der T2-Bulli und der Käfer. Ob das am Volkswagenphänomen liegt, (Volkswagen ist eine der wenigen deutschen Vokabeln, die ich auch von ‚unseren’ Eccis immer wieder höre) muss ich noch herausfinden. Die Fahrzeuge mit den meisten, bunten Lichtern, der lautesten Musikanlage und – jawoll! – gerne auch mal Unterbodenbeleuchtung sind die Linienbusse.

Doch Autos sind nicht Welt (bei mir eigentlich sowieso nicht) und auch abseits der Straßen blinkt des Öfteren ein großes, rotes Fragezeichen auf meiner Stirn. Warum z.B. weckt sich meine Gastfamilie sonntags mit der automatischen Sender-Suchfunktion in voller Lautstärke und über inzwischen mehr als eine Stunde? Und Radio ist nicht gleich Radio: Nur jeder vierte Stopp des Suchlaufs ergibt etwas  anderes als rosa Rauschen, die Moderatoren sprechen, nein rufen ins Mikro und bereichern ihre Stimme mitunter um einen beeindruckenden Echoeffekt und die Musik ist, wie Christopher bereits schrieb, Geschmackssache. Mein Gastvater arbeitet so viel, dass er nur selten zu Hause ist – und wenn, dann schläft er. Warum also diese (…!) Weckmethode?

Oder der Umgang mit materiellen Dingen. Mein Gastbrüderchen hat eine ansehnliche Spielzeugsammlung – originalverpackt an der Wand. Nicht das Spielen scheint entscheidend zu sein, sondern das Haben. Das würde auch erklären, warum einige Gastfamilien gleich drei Kühlschränke haben und das schöne, neue Geschirr ebenfalls originalverpackt im Regal verstaubt und weiter aus zerdellten, einfachen Schüsseln gegessen wird.

Also, das Leben in Guayaquil bleibt weiter spannend! Die kommenden Tage werden es ohnehin und ich werde sicher schon bald wieder zu berichten haben. Spätestens dann, wenn wir morgen noch einmal in eine neue, arbeitsintensive Woche starten.

Alles Gute und die besten Grüße,
Christoph