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Christophers Reisebericht II

10.08.2009

Heute ist Unabhängigkeitstag, Ecuador wird 200 Jahre alt. Also ist “feriado”, Ferientag. Nicht alle Geschäfte haben geöffnet und es läuft sogar noch mehr Musik als sonst.

Gut, erst zu gestern. Gestern war Sonntag, vormittags MoG-Treffen und Instrumente fit machen, nachmittags bin ich mit meiner Familie in die Kaserne der Marine gefahren, um den ältesten Sohn zu besuchen.

Abends Stundenplanbesprechung mit allen MoGs und allen Schülern. Jeder Schüler hat täglich Unterricht. Wahnsinn. Aracelt, meine Mutter, hat Ceviche gemacht (rohen Fisch, sehr zart mit zwiebln und limonene) ;-) lecker. Morgens gibt es immer Bananen, mittags und abends Reis.

Heute beginnt der Unterricht. Morgens war noch mal MoG-Besprechung, danach war frei. Ich hab’ Saxophon gespielt, Sophia hat mir ein paar Grundlagen gezeigt. Ein tolles Instrument, Macht tierisch Spass. Jetzt ist gerade Mittagspause, gleich geht es wieder los, ich gehe früh hin, noch mal Saxophonunterricht. Freue mich voll, es ist super hier!

11.08.2009

Ein voller Tag heute, aber es ist immer noch super hier! Gestern fünf Schüler, heute sechs, morgen sieben. Außerdem jeden Tag Bandprobe. Oft viel, aber schön. An die Toilettensituation habe ich mich auch gewöhnt.

Die Schüler hier sind sehr ehrgeizig, selbst Anfänger stehen eine Stunde Trompetenunterricht durch ohne zu klagen und üben sogar noch. Mit denen läuft es super. Leider muss ich auch E-Bass unterrichten und leider spiele ich selbst nicht so gut. Ein Schüler ist viel besser als ich, ich zeige ihm nur das Notenlesen und Theorie. Eine ist fast so gut wie ich und wenigstens eine ist Anfängerin. Aber ach, das wird schon.

Sonst ist es schwierig und komisch. Der Vater meiner Gastfamilie hat wohl früher viel getrunken und so die Familie noch weiter in die Armut getrieben. Er hat deshalb seine Arbeit verloren und war lange arbeitslos. Er ist seitdem abstinent. Seit einem Monat arbeitet er wieder und heute war Zahltag. Sehr spannend, weil er nicht genau wusste, wo und wann genau er es bekommen würde. Und weil seine Frau und Töchter nun befürchteten, dass er wieder anfangen würde zu trinken, was er auch tat. Sie haben mir erzählt, dass er betrunken schrecklich sein kann, dass er sie früher geschlagen hätte und dass sie hoffen, dass er nur ins Bett fallen würde. Glücklicherweise war es so und als ich nach Hause kam fand ich ihn schlafend im Ehebett. Die Frauen hatten das Zelt aufgebaut, weil keine von ihnen mit dem Mann im Bett schlafen wollte. Heftig, diese Angst. Trotzdem, oder gerade deswegen, deckten sie ihn zu und spannten ein Mückennetz über ihm auf.

So, jetzt werde ich auch langsam müde und weil ich morgen früh raus will (um 10 Uhr Treffen und davor noch Saxophon üben ;-) ) werde ich jetzt, 23 Uhr, schlafen. Tschüss!

12.08.2009

Heute ist Tag 5. Ich sitze mit zwei meiner Schwestern am Tisch. Zum Mittag gab es, wie immer, Reis. Diesmal mit Ei und Schinken. Orangen und 35°C. Das Haus allerdings wurde den ganzen Tag durch die Sonne geheizt wie ein Ofen. Hier ist es wesentlich wärmer. Obwohl meine einzige, körperliche Aktivität darin besteht zu schreiben, rinnt der Schweiß in Strömen. Mir ist warm. Sehr warm. Aber naja, so ist das.

Gestern gab es eine Schießerei. Nach dem letzten Unterricht um 22 Uhr standen wir mit den Schülern vor der Musikschule, als plötzlich jemand schrie, dass wir laufen sollen. Zuerst habe ich den Ernst der Lage nicht bemerkt, aber als dann auch die Ecuadorianer gerannt sind und der erste Schuss fiel – in nächster Nähe – war selbst mir klar, dass ich besser in Deckung gehen sollte.

Wir sind ins Nachbarhaus geflohen (“El Billard”, eine Art Billardkneipe, die allerdings nur aus einem großen Raum, die Wände unverputzt, mit zwei alten Billardtischen und eni paar Plastikstühlen besteht). Es gehört einem Freund der Musikschule. Kaum wurde die Tür hinter uns geschlossen fielen in schneller Folge drei weitere Schüsse. Später habe ich erfahren, dass Diebe aus einem anderen Viertel jemandem aus unserem Viertel etwas klauen wollte. Dieser ist geflohen, und zwar direkt an uns vorbei, und hat seine Freunde, also Diebe aus unserem Viertel, zur Hilfe gerufen.

Die Schüsse waren glücklicherweise nur Warnschüsse. Eine halbe Stunde später haben sich dann auch die Eccis wieder auf die Straße getraut und wir sind nach Hause gegangen.

Sonst war’s gestern gut, etwas anstrengend, aber schoen.

Heute Morgen war ich nicht bei der täglichen Reunion (dem Treffen) von uns MoGs, weil ich mit Magdalena und Enrique (dem Koordinator der Musikschule) beim venezuelanischen Konsul war, um um Unterstützung für unser Projekt zu bitten. Das Treffen war sehr amüsant. Der Konsul war ein typischer Südamerikaner, voll von großen Worten, denen keine Taten folgen.

Ja, soweit erstmal. Obwohl, ein kleine Sache noch. Ich bin Bus gefahren. Die Busse hier sind keine Einzelunternehmen, sondern gehören alle zusammen. Die Fahrer bekommen nicht etwa wie in Peru das Geld, das sie einnehmen, sondern einen festen Lohn. Um zu vermeiden, dass sich die Fahrer heimlich einen Teil des Transportgeldes einstecken haben die Busse eine Lichtschranke, die die zu- und aussteigenden Passagiere zaehlt.

Deshalb ist es immer sehr interessant zu beobachten, wenn fliegende Händler zusteigen, weil dieses mit sehr viel Abwechslung verbunden ist. Manche springen über die Lichtschranke, andere klettern über das Geländer und wieder andere krabbeln unter dem Geländer durch. So, bis morgen.

Es ist super hier, aber wenn ich zurückkomme, dann kaufe ich mir ein Saxophon.

13.08.2009

Entweder ist es kälter geworden oder ich habe mich an die Hitze gewöhnt. Denn ich habe beim Duschen (oder besser: beim gartenschlauchen) regelrecht gefroren, und das, obwohl das Wasser eigentlich lauwarm und angeblich 23°C die tiefste, jemals gemessene Temperatur in Guayaquil ist. Naja.

Heute ist Freitag und ich muss sagen, dass ich froh bin am Wochenende nicht unterrichten zu müssen. Ich bin zwar echt Stress gewohnt und arbeite hier zeitlich gesehen weniger als in Deutschland, aber irgendwie ist es doch anstrengend. Vielleicht liegt das auch daran, dass man nie alleine ist, außer vielleicht im Bett, und selbst da sind noch fünf weitere Personen im Zimmer. Wann bitte soll ich denn mal laut rülpsen?

Naja, gut, ich sitze gerade im Gebäude von “Mi Cometa”, ein großes, weißes Gebäude der Dachorganisation, das auch die Räume der Musikschule enthält. Es ist 9 Uhr morgens, ich bin der erste hier, um 10 Uhr ist MoG-Besprechung. Ich wollte die Zeit zum üben nutzen, aber ale Räume sind abgeschlossen und keiner hat einen Schlüssel. Ok, also schreibe ich.

Hier muss ich doch unterbrechen, ich habe eine Gitarre gefunden und werde mich jetzt auf den Balkon setzen und singen.  Zeit für mich!

14.08.2009

Samstag Mittag. Ich sitze in der Wohnküche unseres Hauses und es ist warm. Zwei meiner Gastschwestern, bereitet das Essen vor (wetten, dass es Reis gibt?), die Dritte ist in der Schule. Aracely, meine Gastmutter, ist arbeiten und mein Gastvater sitzt mir gegenüber. Heute ist sein freier Tag und er hat wieder angefangen zu trinken. Offensichtlich so viel, dass er in einen tiefen Schlaf gefallen ist. So tief, dass nicht mal das laute Gerödel seiner Töchter ihn weckt. Mal sehen, wohin das führt.

Gestern habe ich wieder eine beruhigende Erfahrung gemacht. Rodolfo, der ehemalige Koordinator der Musikschule und unser ständiger Begleitschutz und Ex-Ganove des Viertels, führt einen Revolver mit sich. Es seien gefährliche Tage, man solle gut aufpassen und ihm glaube ich das. Er kennt den Guasmo wie seine Westentasche und jeder kennt und respektiert ihn. Er weiß, wann, wo und wer ausgeraubt wird und er weiß auch im Voraus, wo Schießereien stattfinden. Irgendwie riecht er das. Naja, auf jeden Fall gibt seine Gegenwart Sicherheit. Jeder der Ganoven des Guasmo würde uns Deutsche überfallen, aber keiner würde einen Freund von Rodolfo überfallen.

Wir waren gerade einkaufen weil heute Abend alle Gastfamilien eingeladen sind, typisch deutsches Essen zu kosten. (Mein Vater schläft immernoch, ich frage mich was passiert, wenn er wieder aufwacht.) Ich muss leider auch kochen. Und das, obwohl ich gar nichts kann. Verflixt. Aber ich werde zusammen mit Marcus Kartoffelpuffer machen, das kann jawohl nicht so schwer sein. Ach, und Marcus hat heute in meinem Bett geschlafen, weil seine Gastfamilie auf einem Geburtstag war und erst um vier zurückgekommen ist. Wir haben die halbe Nacht geredet und dann bin ich eingeschlafen, die Ohropax leider nicht im Ohr, sondern noch in der Hand. Nachts wurde ich vom Gekläff der Hunde wach, aber da waren die Ohropax natürlich verschwunden. Ich bin jetzt echt müde.

15.08.2009

Ich bin wieder müde, sogar saumüde. Gestern gegen drei ins Bett, schlecht geschlafen (weil heiß und Schnupfen), heute Fußball gespielt, danach vier Stunden Treffen mit den Schülern, bei dem ich drei Stunden ununterbrochen simultan übersetzt habe. Anstrengder Tag, also deshalb alles kurz jetzt.

Gestern Essen war gut, chaotisch, kalt, lecker und laut. Danach feiern im Billard; lustig, Bier, Musik, Billard, Lachen, laut, Bier, spät.

Heute beim Fussball: Hart, oft sehr ernst, hier wird um Geld gespielt oder um Wasser, das man aus versiegelten Plastiktüten trinkt, indem man irgendwo ein Loch hineinbeißt und das Wasser auslutscht. Sehr unappetitlich eigentlich, weil alle an der gleichen Tüte lutschen, aber irgendwie cool. Warm, Sonne, Halsschmerzen, Aua am Bein.

Dann Treffen mit allen Schuelern, anfangs cool, Spiel gespielt, dann anstrengend, nervig, viel, viel Gelaber, was ich besonders beim Übersetzen gemerkt habe, und laut. Aber wichtig. Jetzt Bett, es ist 23 Uhr abends.

Achja, hier sind überall Hunde. Es ist schrecklich. Die bellen, knurren und lecken ununterbrochen. Morgen mehr.

17.08.2009

Angeblich ist heute schon der 17. Mir fehlt irgendwie ein Tag. Aber hier ist das Datum sowieso total unwichtig.

Heute hatte ich ein super Abendessen, es gab Yapingacho, ein typisch ecuadorianisches Essen aus Tortilla, Salat, Hühnchenwurst, Reis und Soße aus Erdnüssen. Und ein netter Typ, unser Fotograf. Ein netter Typ, tolles Gespräch, aber viel zu kurz. Man ist hier wie alleine, das ist echt anstrengend.

Tag war gut, Unterricht abwechslungsreich. Mir geht’s gut, aber ich freue mich auch auf Alleinsein, Nachtruhe, Wasserspülung, Klobrillen, Duschen und meine Familie. Werde jetzt schlafen. Hab’ ich schon erzählt, dass ich Saxophon lerne?! ;-)