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Christophers Reisebericht III

19.08.2009

Heute ist Mittwoch und es ist immer noch super hier, aber man gewöhnt sich an alles. Ich sehe die Dinge jetzt mit ganz anderen Augen. Früher wäre es eklig gewesen, wenn die Saxophonschüler und –Lehrer an dem gleichen Saxophonmundstück mit dem gleichen Blatt lutschen, aber hier ist es nur normal. Ich meine: was soll’s! Hab noch keinen Durchfall gehabt, und selbst wenn “Y a mi que chu?” Ist mir doch egal!

Unterricht und Schüler waren gut gestern und heute auch. Hab’ tatsächlich noch Zeit Trompete und Saxophon zu üben. Ich bin irgendwie total motiviert. Gestern war ich bei Hannah zum Essen und heute bei unserem Fotografen. Das tut gut zwischendurch mal halb in Ruhe deutsch zu reden.

Jetzt sitze ich am Esstisch während meine Gastmama kocht und die ältere Tochter darauf wartet, abgeholt zu werden, um auszugehen. Der Tisch ist voller Ameisen, sie laufen über meinen Block und meine Arme und ich schwitze. Aber auch das ist normal.

Mein Gastvater ist arbeiten, die anderen zwei Schwestern haben Bandprobe (die einzige, zu der ich nicht gehe, ich bin aber dafür von Montag bis Freitag  jeden Abend bis 22 Uhr in Bandproben).

Hm, ja, soweit nichts neues. Es geht mir gut, ich freue mich aufs Essen und es ist immer noch super hier.

20.08.2009

Heute ist ein komischer Tag. Ich musste schon um kurz nach sechs aufstehen, weil ein Fernsehkanal ein Live-Interview mit uns machen wollte. Von wegen tolles Projekt und Deutsche im Armenviertel (Guasmo) und so. Um 7.30 Uhr. Aber als ich mit den ersten zwei Leuten da war, war kein Fernsehen in Sicht. Also haben wir angefangen im Bandraum zu jammen. Marcus an der Gitarre, Katja Mundtrompete und ich am Schlagzeug. Nach und nach trudelten die anderen ein, Sophia schnappte sich das Saxophon, Daniel, ein Schüler, den Bass, Benni das Klavier. Dann kam noch Percussion dazu und es war richtig cool. Dann plötzlich kam das Fernsehen, aber wir haben es gar nicht gemerkt und während wie gejammt haben, wurde Magdalena interviewt.

Das Interview vor diesem bunten, lauten Hintergrund dauerte kaum fünf Minuten. Danach war der Spuk vorbei, wir haben kurz geprobt, unsere tägliche Versammlunug gemacht und jetzt ist es erst halb elf. Ich werde jetzt bis zum Mittagessen schlafen.

22.08.2009

So, muss mal wieder schreiben. Ist viel passiert und … wow! Ist cool hier. Wir sind gestern aus dem Guasmo weggefahren. Wohin wusste ich da noch gar nicht, nur, dass es eine Finca ist und dass es dort heiße Quellen gibt. Wenn ich ehrlich bin war das alles, was weiß ich. Jedenfalls etwa vier bis fünf Stunden weit weg vom Guasmo. Doch auch das ist ungenau, denn die Zeit vergeht hier anders und ich habe keine Uhr.

Uff, wo soll ich anfangen? Chaotisch und nach gefühlter Wichtigkeit? Oder chronologisch? Ich denke, dass ich mixe.

Also, am coolsten gerade: Wir sind gerade im subtropischen Klima und es wachsen hier haufenweise Orangen- Mandarinen- und Kakaobäume. Hammer, alles im Überfluss, und fast alles reif. Gerade (es ist Samstagabend ungefähr) hatte ich voll Durst und weil das Wasser alle ist haben drei andere und ich uns in die Büsche geschlagen und  Orangen gepflückt. Und sie dann gelutscht. Herrlich, die Tradition ist echt super. Einfach  ein Loch hineinschneiden und den Saft in den Mund pressen. Unglaublich erfrischend ;-)

So, nun chronologisch: Wir sind am Freitag kurz nach acht mit einem Linienbus (der mit der Lichtschranke) zu einem Busbahnhof gefahren, von dem wir dann ziemlich lange mit einem Reisebus gefahren sind. Dieser hielt dann in einem matschigen, kleinen Dorf mit nur einer Straße an und schmiss uns raus. Dort haben wir etwas gewartet und mit einem sehr vollen Bus – einige von uns mussten auf dem Dach mitfahren und einiges von unserem Proviant (z.B. das Öl) ging kaputt – in die “Wildnis”. Überall Grün, viele Früchte, sehr wenig Häuser und eine einzige, unendliche, matschige Geröllstraße. Irgendwann, scheinbar im Nichts, waren wir da. Nachdem wir ausgestiegen sind bemerkte ich die Finca, ein Haus mit zwei Zimmern auf zwei Stockwerke verteilt, eine offene Küche aus Holz und hinter  dem Haus eine Dusche im offenen Raum. Überall um das Haus herum Fruchtbäume, herrlich! Apropos Früchte: Ich habe hier zum ersten Mal Kakaobohnen gelutscht. Wahnsinn, was für ein krass intensiver Geschmack. Irgendwie süß, sauer, fruchtig und naja, ultra. Irgendwie wie Red Bull oder so. Und ganz anders. Ach naja, muss man echt mal probiert haben.

Gut, zurück zur Chronologie. Oben im Haus vier große Betten, unten Sofa und vier Sessel. Nachdem wir unsere Sachen abgelegt hatten ging es ans Kochen. Leider war ich im Kochteam und musste mit anfassen. Ich war miit für die Saftproduktion zuständig. Also bin ich mit ein paar Jungs Orangen pflücken gegangen. Es war sehr lustig. Es gab auch Mandarinen, die wir uns mit von der Erde schmutzigen Händen geteilt haben. Es ist super hier.

Kurzer Einwurf: Ich stehe gerade vor dem Haus und unsere Nachbarin gibt ein kleines Konzert mit spanischen Liedern, sie singt und begleitet sich auf der Gitarre. Sehr schön und mit vollem Ernst vorgetragen. Themen sind die Liebe und der Tod. Manchmal geht es aber auch um Tod und Liebe. Komische Situation. Einige unserer Jungs  begleiten sie und der Koordinator singt begeistert mit, herrlich!

Nagut, weiter geht’s. Es ist echt schwierig hier zu schreiben. Also zurück zu den Orangen. Das Saftpressen war dann echt Knochenarbeit. Ich meine, press mal 50 Orangen aus. Ich war danach völlig durchgeschwitzt. Das Essen war dann aber gut, zwar war der Reis sehr matschig, aber egal. Mir schmeckt ja echt fast alles und außerdem hatte ich Hunger.

(Kurz noch mal zur Frau, sie spielt komisch Gitarre. Irgendwas zwischen Zupf- und Schlaggitarre, aber das sehr gut. Und außerdem sitzt sie auf einem kleinen, gelben Plastikstuhl. Thema der Lieder ist gerade das Leben und die Orange.)

Nach dem Essen sind wir ins nächste Dorf gelaufen. Durch den Regen, etwa 20 Minuten, um dort etwas für’s Abendessen zu kaufen und unseren Ausflug am nächsten Tag zu planen. Nach zehn Minuten war ich klitschnass und matschig. Aber es ist hier so warm um dreckig, dass das alles keine Rolle spielt. Im Dorf haben wir dann irgendwie doch nur gewartet und ein paar Bier getrunken und über die Unterschiedlichkeiten der verschiedenen Länder diskutiert.

Danach wieder Essen, und den ganzen Abend Musik mit Gitarre gemacht. Und selbstgebrannten Schnaps und selbstgepressten Orangensaft getrunken. Leider konnten nicht alle richtig mit dem Alkohol umgehen, aber es ist glücklicherweise nichts passiert. Insgesamt war es ein netter Abend.

In der Nacht war an Schlaf nicht zu denken, weil die circa 20 Leute in meinem Zimmer keine Ruhe geben wollten und als es endlich halbwegs still war ist irgendein Hahn durchgedreht und hat den Rest der Nacht wie verrückt gekräht. Es war fürchterlich. Ich war richtig müde. Aber der heutige Tag hat alles gerettet ;-) Wir sind auf einem LKW, fast so gequetscht wie Masttiere und mindestens genauso geschüttelt, zu den warmen Quellen gefahren. Und das war echt… Entschuldigung, aber es war echt geil. Es gab einen Fluss, der kaltes Wasser führte, und zwei warme Quellen, deren Wasser in zwei großen Becken gesammelt wurden. Und das alles mitten im Urwald. Und das Wasser war richtig, richtig warm. Gefühlte 41,5°C. Und vor allem den Wechsel vom warmen ins kalte Wasser und wieder zurück war sehr angenehm. Völlig anstrengend zwar, aber auch irgendwie toll. Vor allem war es das erste warme Wasser für mich seit zwei Wochen.

Zu Mittag gab es mitgebrachte Sandwiches und Cola. Danach noch mal baden und dann, halbwegs sauber, auf dem Schweinetransporter zurück. Wieder gutes Essen und jetzt bin ich hier und höre der singenden Frau zu.

24.08.2009

Was habe ich mich gestern, als ich nach sechs Stunden Reise nach Hause kam, auf die Dusche bzw. den Gartenschlauch gefreut. Endlich mal wieder sauberes Wasser, denn das Waschen im Urwald beschränkte sich auf das Baden im Fluss und in den heißen Quellen. Und ich hatte das ganze Wochenende richtig dreckige Füße, weil meine Schuhe ununterbrochen nass waren und ich deshalb fast immer barfuss gelaufen bin. Naja, also wollte ich ausgiebig gartenschlauchen und meine Füße und Haare waschen. Aber Pustekuchen. Als wir gegen 21 Uhr zurückkamen, hieß es, dass leider das Wasser abgedreht worden war. Na toll. Und Klopapier war irgendwie auch alle. Richtig blöd. Naja, immerhin war in der großen Tonne im Hof noch etwas Wasser, sodass ich mich notdürftig waschen konnte. Immerhin, ich mein, es hätte auch viel schlimmer sein können. Richtig böse wäre es gewesen, wenn nichts zu essen oder trinken im Haus gewesen wäre, denn die einzige Mahlzeit, die meine Gastschwestern und ich bis dahin zu uns genommen hatten, war das Frühstück um 10 Uhr morgens. Naja, jetzt ist alles gut, es gibt auch wieder Wasser.

Gut, jetzt erstmal noch zu dem Rest des Samstagabend: Nachdem die Frau  gesungen hat und nach einem schönen Nachtspaziergang mit Regen und Orangen saß ich noch die halbe Nacht mit ein paar Ecuadorianern bei etwas Schnaps zusammen und habe mich super unterhalten. Ebenfalls ein sehr netter Abend. Es ist super hier, allerdings auch super anstrengend, denn ich habe wieder weder gut noch lange geschlafen. Denn als ich ins “Bett” gehen wollte, lagen dort schon zwei Eccis. Auf meiner Isomatte, unter meinem Mückennetz. Was sollte ich tun? Da ich totmüde war, warf ich mich einfach in die Mitte der beiden, die murrend auseinander rollten, und schlief schließlich ein.

Ich wachte hundemüde auf, weil ich erst kurz vor Sonnenaufgang im Bett gewesen war. Nach dem Frühstück fand ein kleines Treffen statt, bei dem es um die Auswertung des Wochenendes, den kulturellen Austausch und um Integration ging. Es endete friedlich und harmonisch, obwohl es zwischendurch recht haarig zuging.

Danach gingen wir alle im Fluss schwimmen und danach haben (fast) alle das Haus aufgeräumt. Auf dem Rückweg, wieder mit viel Lachen und mit drei verschiedenen Bussen, kam es zu einem spannenden Zwischenfall. Kurz bevor wir mit dem relativ vollen Linienbus Guayaquil erreichten, wurde es plötzlich laut. Irgendwie hatten vier Männer, die auf dem Gang standen, in unserem Gepäck gewühlt und wurden von dem Koordinator der Musikschule zurecht gewiesen. Allerdings waren sie leicht angetrunken und fühlten sich beleidigt. Als sich die Diskussion zuspitzte und die zwei Parteien aufeinander losgehen wollten, erhoben sich die anderen Guasmo-Jungs und plötzlich waren die vier Männer von unseren Jungs umzingelt, die den ganzen Bus füllten (die Sitze, den Gang, sogar unter der Decke hingen einige). Es war irgendwie cool, dieser Zusammenhalt. Sogar die in der Musikschule zerstrittenen Parteien unterstützten sich gegenseitig. Wäre nicht die Angst gewesen, dass plötzlich  Messer oder Pistolen gezückt werden könnten, hätte das ganze ein erhabener Moment sein können.

Wir kamen dann gegen 22 Uhr zu Hause an und danach bin ich noch ins Billard gegangen, um die Reise mit ein paar anderen und Bier ausklingen zu lassen. Zwischenzeitlich wurde Reggaeton getanzt, ein Tanzstil, der in Deutschland undenkbar wäre, weil es wie Sex mit Klamotten ist. Ungelogen. Hier reiben sich Mann und Frau wie wild aneinander und Frauen werden auf den Boden und an die Wand gedrückt. Allerdings ging es noch sehr gesittet zu. Fast alles deutschen Frauen wurden nacheinander auf einen Stuhl gesetzt und von einem der Männer sehr erotisch angetanzt. Mit viel Köperkontakt und Striptease. Ich war allerdings hundemüde und bin schon gegen 0 Uhr gegangen, obwohl der Abend noch bis drei Uhr morgens ging. Aber ich brauchte den Schlaf und habe heute tatsächlich bis 12 Uhr geschlafen. Der restliche Tag war normal und jetzt, 21.45 Uhr, sitze ich in der Band von der Männerband “D’Magda” und korrigiere hin und wieder den Bassisten, meinen fortgeschrittensten Schüler. Mal sehen, was heute noch passiert, ich will eigentlich nur ins Bett.

27.08.2009

So, mal wieder schreiben. Es ist komisch hier, die Zeit fließt anders. Außerdem scheint gerade die Luft raus zu sein, viele Schüler kommen zu spät oder gar nicht. Naja, meine Lieblingsschüler sind mir treu geblieben und die freie Zeit nutze ich zum Lesen und Üben. Ich lese ein Buch über Ecuador: “Die Ecuadorianer sind seltsame und einmalige Wesen; sie schlafen ganz ruhig unter mitten unter knisternden Vulkanen, sie leben arm inmitten von unermesslichen Reichtümern und sie  freuen sich über traurige Musik”.  Das steht da zum Beispiel drin. Es ist 200 Jahre alt und von Alexander von Humboldt. Also das Zitat jetzt, nicht das Buch ;-)

So, kurzer Abriss, ich muss mich parallel nämlich  mit meiner Gastmutter unterhalten. Die letzten Tage waren normal anstrengend. Bin gestern vor dem Abendessen eingeschlafen und deshalb zu spät zur Bandprobe gekommen. Naja, was heißt zu spät? Hora Ecuadoriana, pues! Ich genieße den Abend mit Deutschen und den Eccis. Sehr spannend und integrativ, man taucht immer  weiter ein. Manches ist leider gar nicht schön.

Ich sitze gerade übrigens wieder am wackeligen Küchentisch. Draußen probiert irgendjemand eine Anlage mit Mikrofon aus (“Si!, Uno, dos, tres!”) und es knallt ständig. Ich finde, dass es wie Schüsse klingt, aber meine Mama meint es sei Feuerwerk. Naja, es sind noch Leute auf der Straße, es ist also alles gut. Aber mit dieser Knallerei kann ich mich echt nicht entspannen. Jedes Mal wieder ein kleiner Schreck.

Heute waren wir zu sechst in der Stadt um Instrumente zu kaufen. Es hat den ganzen Vormittag gedauert, war  “urst” anstrengend, um mal ein Wort zu nutzen, das ich von meinem Gitarrenlehrer Marcus gelernt habe. Aber immerhin gibt es jetzt eine super E-Gitarre mit gutem Verstärker und einem hammer Stagepiano. Die Rückfahrt war cool, wieder im offenen Pickup auf der Ladefläche sitzend mit 80 km/h durch die Stadt. Wie Achterbahn fahren, nur ohne Gurt. Aber gut, dass ich mich auf meine Armmuskeln verlassen kann.

Oh Mann, hier geht es gerade rund. Es prasseln gerade sehr viele Eindrücke auf mich ein. Zum Beispiel ist gerade ein Menschenzug vorbeigekommen, der hinter einem Auto herlaufend die Jungfrau Maria gelobt hat. Schrecklich, immer die gleichen Phrasen. Wie Tod. Und natürlich alles mit Mikrophon verstärkt, Rückkopplung inklusive. Und leider scheint es jetzt so, als hätte der Zug sein Ziel erreicht. 50 Meter von hier, da steht eine Band (schrecklich) mit sehr lauter Anlage, hier ebenfalls Rückkopplung inklusive. Es ist also so, dass hier die ganze Zeit schlechte Musik im Wechsel mit langatmigen Texten erklingen und versetzt mit Rückkopplungen und explosionsartigen Knallen, die mich immer wieder zusammenfahren lassen. Außerdem redet meine Mutter die ganze Zeit, ich wasche parallel meine Wäsche und mir tränen die Augen, weil gerade Zwiebeln geschnitten wurden. So, aber jetzt noch mal meine Hilfe aufzwingen. Ok, halt stop. Hab noch was vergessen. In meinem Limonensaft schwimmt eine Ameise. Trinken,