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Wie die Zeit hier tickt

Ja, ich freue mich auf die Arbeit. Das habe ich vor fast zehn Tagen geschrieben. Und wundere mich: Wo ist die Zeit geblieben? Der Tagesablauf gestaltet sich hier mit einer Regelmäßigkeit, die ich mir zu Hause meist nur im Traum denken kann. Drei Mal täglich Essen, warm, viel und lecker, eine Mittagspause, die ich gerne zum Sortieren meiner Gedanken, der Fotos oder einfach nur zum Schwitzen verwende, und der ‚Feierabend’, der spätestens um 22 Uhr beginnt, wenn die Musikschule schließt und uns ins benachbarte Billardcafé oder zu Besuch in anderen Gastfamilien führt.

Die Zeit dazwischen aber ist schwer zu beschreiben. Der Energieverbrauch scheint hier anders zu funktionieren. Einer berichtet von ungewohnter, innerer Ruhe bei gleichzeitig vollem Unterrichtsprogramm und viel Arbeit, andere dagegen versetzen mich in Staunen, weil sie müde aussehen, müde sind, knapp an einer dicken Erkältung mit Fieber vorbeischlittern – und trotzdem arbeiten, als wären Schlaf und Erholung das Langweiligste der Welt und noch früher aufstehen als nötig, um noch vor dem Unterricht selbst ein neues Instrument zu lernen und mir im totalen Durcheinander, Lärm und bei aller Spontaneität und mitten im Unterricht strahlend ein „yeah, ist das geil!“ oder „Saxophon ist so  sexy!“ entgegenzupfeffern. Respekt!

Ich selbst rotiere irgendwo dazwischen und bewundere nur allabendlich die Wucht, mit der mich die Müdigkeit packt und sich die Buchstaben vor den Augen drehen. Das vollzieht sich hier genauso schnell und plötzlich wie der Sonnenuntergang, wenn die Sonne fast aus dem Zenith, senkrecht und binnen weniger Augenblicke hinter die Häuser am Horizont fällt. Ein Schauspiel, für das die Ecuadorianer nicht viel Interesse zeigen.

Eine Marzipanschokolade wette ich (und das will hier was heißen), dass ich in der mit Abstand besten Gastfamilie der Welt untergebracht bin! Jeder Wunsch wird mir von den Lippen abgelesen, mein Gastbruder Lalo begleitet mich jeden Schritt und taucht wie ein guter Geist immer dann auf, wenn ich Hilfe gebrauchen kann oder von hier nach dort gebracht werden muss. Doch wenn ich nicht zu Hause bin, dann gibt es kleine Wesen, die fleißig sind und alles einmal umdrehen. Ganz vorsichtig und unauffällig, aber sie sind da. Mal finde ich meine Zahnpasta ganz unten im Rucksack wieder, mal ist mein Gürtel von der ‚falschen’ Seite an die Hose gesteckt – vielleicht wandle ich hier auch im Schlaf, ich weiß es ja nicht… Mein Eindruck ist: man interessiert sich für mich, selbst wenn ich nicht da bin.

Heute beginnt nach einem genauso wenig erholsamen wie spannenden und schönen Wochenende die zweite Arbeitswoche mit einem vollen Unterrichtsplan. Am Samstag waren wir in unseren Gastfamilien eifrig damit beschäftigt, typisch deutsches Essen zu kochen. Weihnachtsplätzchen, Bratkartoffeln, Lasagne, Griesbrei, Kuchen… es war wirklich ein Festschmaus mit allen unseren Gastfamilien, dem acht Stunden Küchenklotzerei unter lautstarkem Zuschauen und Kommentieren unserer Künste durch die Gasteltern vorausging.

Am gestrigen Sonntag dann ging es in einer großen Reunion mit allen ecuadorianischen und deutschen Teilnehmern zur Sache – warum kommen die Schüler eigentlich in die Musikschule, was macht die Musikschule aus, welche Ziele sollen in diesem Jahr (neu) festgehalten werden und wie sollen die erreicht werden? Fragen über Fragen, glücklicherweise auch etliche, tolle Antworten und immer wieder die Feststellung, wie groß und wie großartig die Herausforderung „Musiker ohne Grenzen“ ist.

Aus einem weiteren, erfüllten Tag und mit den besten Grüßen von allen MoGs,
Christoph

1 Kommentar

  1. la ultima foto es la mejor: rodolfinfinfin es tan vacan y benny el pobrecito con acordeon se ve como un poco loco

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