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Musikalische Solidarität

Frau C. von Braunmühl bei der Warnke-Preisverleihung am 26. November 2009 | Foto: Andreas Hopfgarten

1) Solidarität ist ein großes Wort und ein vielfach besetztes. Solidarität setzt immer etwas Gleiches und etwas Ungleiches voraus und eine Entscheidung. Das Gleiche: eine mehr oder weniger als gegeben empfundene Gemeinsamkeit, die verbindet – Geschwister, ArbeiterInnen eines Betriebes, Angehörige einer ethnischen Gruppe, oder auch Menschenkinder oder Weltenbürger. Das Ungleiche: Eine Differenz der Lebenslage: des Reichtums, des Wissen, der Entfaltungschancen. Die Entscheidung: im Ungleichen etwas Gleiches zu erkennen und in das eigene Leben hinein zu nehmen. Brecht nennt das „die dritte Sache“. „In der „Mutter“ heißt es: „Die dritte Gemeinsame Sache, gemeinsam betrieben, war es, die uns einte.“ Die dritte Sache drängt sich nicht auf; sie will gesehen, gewollt und gelebt werden. Oft ist es ein Zufall und bleibt ein Rätsel, warum ein Stück Welt uns so berührt, dass wir uns entscheiden, solidarisch zu sein und dieser Solidarität einen Platz in unserem Leben zu geben. Immer fügt die Entscheidung dem Leben eine Dimension hinzu, ohne die wir sehr viel ärmer wären.
Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit insgesamt nehmen für sich in Anspruch, von Solidarität getragen zu sein. Staaten, multilaterale Organisationen wie die Weltbank oder die EU, die Kirchen wie überhaupt nichtstaatlichen Organisationen, sie alle präsentieren sich in ihrem entwicklungspolitischem Tun als von Solidarität bewegt. Wir möchten ihnen das gern glauben, aber das fällt nicht immer leicht und es wird uns auch nicht immer leicht gemacht. Allzu oft sind erkennbar Interessen und Ungereimtheiten im Spiel. Wir erleben das gerade in den großen Verhandlungen um Ernährung und Klima.

2) Die Formen von Entwicklungszusammenarbeit streuen weit, von komplexen internationalen Abkommen zwischen mehreren Regierungen und Organisationen bis hin zu Städte- oder Schulpartnerschaften oder eben solchen punktuellen Initiativen wie die von „Musiker ohne Grenzen“. Alle haben ihren Stellenwert. Groß und komplex ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit bürokratischer Schwerfälligkeit, gar Korruption, klein ist nicht von vornherein menschenfreundlich und angemessen. Es kommt auf den Gegenstand, den Inhalt, die Haltung und die Verfahrensweisen an.

3) Ihr Gegenstand, liebe PreisträgerInnen, ist die Musik. Sie vermitteln musikalische Kenntnisse, Sie musizieren gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen und das an dem Ort, wo die Jugendlichen leben, in einem Armutsviertel, einem Viertel also mit schlechter infrastruktureller Versorgung, hoher Arbeitslosigkeit, wenig Perspektiven, viel Gewalt. Was sich in und durch Ihr Tun abspielt, ist Entwicklungspolitik, in mehrfachem Sinn. Entwicklungspolitik wie Politik überhaupt ist nicht nur, was sich im öffentlichen Raum als solche annonciert, sie findet auch im Miteinander statt, im Alltagsleben, in der Freizeit. In der Musik enthält das Miteinander ein utopisches Element. Es transportiert ein Stück Gemeinsamkeit, Gleichheit, Sphären der Freude und des Erfülltseins, deren gesellschaftliche Bedingungen und Konsolidierung erst noch erwirkt werden müssen.
Gemeinsam Musik machen hat viele Wirkungen und Nebenwirkungen. Ein Instrument spielen lernen, Noten lesen lernen, Sich Ernst Nehmen, für den guten Klang verantwortlich sein, die MitspielerInnen im Auge und im Ohr haben, Aufmerksamkeit, Konzentration, Geduld, Beharrlichkeit, Disziplin, Verbindlichkeit. Wissen, dass die anderen sich auf einen verlassen, dass man zählt, erfahren, dass etwas gelingt, das anderen Freude macht und sie – buchstäblich – in Bewegung setzt, dass sich etwas sehen und hören lassen kann, dass es Anerkennung und Achtung einbringt. Lauter Wirkungen und Nebenwirkungen, die der Selbstlähmung und dem verhängnisvoll zerstörerischen Selbsthass der Marginalisierten, aus gesellschaftlicher Teilhabe und Zukunft Ausgeschlossenen, etwas entgegensetzen.

4) In der Sprache der Entwicklungspolitik ist das, was „Musiker ohne Grenzen“ macht, eine punktuelle Intervention. Um über die unmittelbar Beteiligten hinweg in Gesellschaft und Politik hinein Wirksamkeit zu entfalten, bedarf sie der Einbettung. Die leistet in Ihrem Fall die „Associacón Mi Cometa“, eine aus dem Viertel heraus gewachsene gemeindliche Organisation. Deren Internetauftritt mag, wie oft, eindrucksvoller sein als die Realität, gibt aber doch einen Eindruck von ihrem Menschen- und Gesellschaftsentwurf und ihren Ansätzen, sich in die Politik der Stadt Guayaquil und des Landes Ecuador einzumischen. Wir erfahren von einer umfassenden Palette gemeindebezogener Aktivitäten, die aus nationalen und internationalen Quellen unterstützt werden. Wir erfahren auch und können das in bemerkenswerten Studien nachlesen, von aktivem Engagement in den in ganz Lateinamerika besonders intensiven Anstrengungen, die Leistungen der Daseinsvorsorge (Wasser, Strom) in der Öffentlichkeit zugänglichen Händen zu belassen. Schließlich und nicht zuletzt erfahren wir von der Beteiligung an übergemeindlichen Zusammenschlüssen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die von der neuen Verfassung Ecuadors eröffneten Handlungsräume zu nutzen.

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5) Damit sind wir dann bei einem Kernbegriff von Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit, nämlich Nachhaltigkeit. Die Baustellen der Nachhaltigkeit sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Die sind zwar miteinander verknüpft, aber jede folgt ihrer eigenen Logik und Dynamik. Die individuelle Ebene: In Musik, davon bin ich überzeugt, kann ein utopischer Raum der Gegenwelt entstehen, ein Raum, in dem Menschen andere Erfahrungen miteinander und mit sich selber machen, in dem kleinteilige, unspektakuläre Veränderungen erprobt und konsolidiert werden können. Die Projektebene: Wenn ich Ihr Vorhaben richtig verstehe, so haben Sie von Anbeginn daran gearbeitet, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Beständigkeit zu ermutigen und zu fördern; das sind wesentliche Elemente von Nachhaltigkeit. Für den politischen Kontext, nicht zuletzt die aus globalen Zusammenhängen einwirkenden Faktoren können Einzelne am wenigsten einstehen, wie es überhaupt keine Garantie für einen auf Dauer gestellten Erfolg entwicklungspolitischer Anstrengungen gibt.
6) Aber, Solidarität ist eine Kraft zu eigen: Die Erfahrung von Solidarität lädt ein zu einer anderen Sicht auf die Dinge. Sie kann den Blick in erweiterte Räume lenken, in Möglichkeiten des eigenen Selbst, sie kann die Kraft stärken, Zumutungen nicht länger hinzunehmen, Menschen- und Bürgerrechte einzuklagen und für sie zu kämpfen.

7) Solidarität kann auch ansteckend sein, empfindlich machen für Ungerechtigkeiten und den Ausgeschlossenen vorenthaltende Lebens- und Entfaltungschancen. Sie kann den Blick schärfen für die Wirksamkeit globaler Zusammenhänge, die nie ohne Verantwortungsgehalt sind. An dem großen Schraubenwerk – in der Sprache der Politik heißt das dann „Globalisierung gerechter gestalten“ – dreht es sich in der Regel nicht ganz so lustvoll und sinnenfreudig, wie ich selber gemeinsames Musik Machen in tropischer Wärme erlebt habe. Aber ich wünsche Ihrem Engagement in Ecuador, liebe PreisträgerInnen, und ich wünsche mir überhaupt, dass lauter kleine Schräubchen in dieser Richtung in Bewegung geraten.

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