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Berufung

Es gibt Dinge, die ich kann und es gibt Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Ich kann nicht Harfe spielen, Salto schlagen oder Sushi kochen. Ich kann aber Schlagzeug spielen, Purzelbaum und … auf dem Sofa liegen, DVD gucken und dabei ein extra grosses Nudelschinkengratin alleine aufessen – echt, kein Ding. Nun aber habe ich meine Berufung gefunden: Juror bei einer Misswahl. Woher kommt aber dieser Sinneswandel? Am Samstag war hier die Wahl der Miss Guasmo und wer sass in der Jury? – Richtig: ich! Aber warum grade ich? – Nun, dafuer mag es mehrere Antworten geben, ich sag mal: Fuegung – Schicksal. Und warum auch nicht? Ich fuehlte mich in dieser Hinsicht sehr kompetent.

Gut, also eine hoechst offizielle Verantstaltung und ich begab mich in meinem Musiker-Ohne-Grenzen-Outfit (ein bedrucktes Poloshirt) zu meinen Mitjuroren. Den Ersten kannte ich sogar, da er auch irgendwie bei unserer Organisation mitarbeitet. Er trug ein weisses Jacket und ein rosanes Hemd. Nr. 2 kam gleich im schwarzen Anzug mit gruener Krawatte. Er arbeitet in einem Krankenhaus, vielleicht also ein Arzt. Nun draengte sich mir jedoch die Frage auf, ob ich nicht underdressed sei, doch dann kam Juror Nr. 4 und sagen wir einfach, dass er “leger” gekleidet war. Nun sass ich also mit meiner Kompetenz Kompetenz inmitten der Jury auf einem roten Plastikstuhl unter blau-weissen Guayaquilbannern auf einer Strasse ca. 4 Meter vor einer Buehne mit sechs Riesenlautsprechern, aus denen wie immer viel zu laut Salsamusik drang. Gleich wuerde es los gehen und es wurde Zeit sich einzugestehen, dass ich im Grunde ueberhaupt keine Ahnung hatte, was ich denn gleich tun sollte, aber das wuerde mir ja wohl gleich noch einer erklaeren. Aber Schock: das ganze ja auf Spanisch. Ruhig bleiben: Was muss man denn schon wissen? Im Grunde doch nur, wie viele Punkte ich vergeben kann. Schon neigte sich der Krankenhausjuror zu Nr.4 und mir rueber und erklaerte uns die Regeln – glaub ich… Auf jeden Fall schnappte ich das spanische Wort fuer ” 5” auf und war erstmal zufrieden, fuer mich konnte es losgehen. Ich nickte mal wieder zustimmend und fuehlte mich im Kreis der spanisch sprechenden Menschen aufgenommen.

Nun betraten vier junge Frauen die Buehne und stellten sich vor; sie waren zwischen 12 und 18 Jahren alt. Keine meiner Nebenmaenner vergab dafuer Punkte – ich also auch nicht.

1. Runde: “Was wuerdest du tun, wenn du Miss Guasmo waerst?” Nacheinander beantworteten die Kaempferinnen diese Frage und ich vergab im Kopf Punkte. Ich wollte erst am Ende jeder Runde die Punkte vergeben, somit fuehlte ich mich auf der sicheren Seite, da ich ja auch noch bei meinen Nachbarn gucken konnte, ob das mit den maximal fuenf Punkten richtig war. Nur – um ehrlich zu sein – ich verstand nicht viel, auch wenn die Antworten der Schoenheiten durch die laute Anlage direkt in mein Ohr zu droehnen schienen. Also wofuer vergab ich eigentlich die Punkte? – Ich sach mal: Charisma. Ab und zu blinzelte ich zum Krankenhausjuror (Nr.2) rueber, um mich der Regeln zu vergewissern. Ich wollte ja keine Fehler machen. Leider dachte der wohl, dass ich abschreiben wollte (Unsinn!) und legte seinen linken Arm ueber sein Blatt – Streber! Egal, ich vergab zwischen einem und fuenf Punkten. 2. Runde: Auf der Buehne auf und ab gehen. Das ging schnell, die Buehne war ca. 8 Meter lang und zu verstehen gabs ja auch nichts. Da war sie wieder, meine Kompetenz. Leider beugte sich mitten drin Juror 2 zu mir und Nr. 4 rueber und sagte etwas. Ich tat so, als haette ich es wegen der lauten Musik nicht verstanden und traute mich noch einmal nachzufragen. Keine Chance, ich verstand kein Wort. Ich nickte. Als Folge der Ansage begann Nr. 4 seine bisher vergebenen Punkte wieder wegzuradieren. Hm, vielleicht gabs ja fuer das Laufen gar keine Punkte? Ich schielte nach rechts und links: Nr. 2 hatte nun fuer jedes Maedchen zweimal Punkte aufgeschrieben, Nr. 3 ueberhaupt keine. Zwickmuehle. Hilft nichts, abwarten. 3. Runde: Jeder Teilnehmerin wird eine individuelle Frage gestellt. Tja, mal nicke ich zustimmend, mal guckte ich kritisch und natuerlich vergab ich Punkte. Das war aber auch gar nicht so schwer, weil Zweien ueberhaupt keine Antworten einfiehlen. Danach beugte sich wieder Nr. 2 zu uns rueber und nun sollten wir die drei Zahlen fuer jede Kandidatin zusammenrechnen. Wie, das wars schon? Ha, gut, dass ich nichts wegradiert habe und drei Zahlen zwischen 1 und 5 addieren kann ich (das gehoert auch noch oben auf die Liste!). Gleich sammelte Hauptjuror Nr. 1 die Zettel ein und rechnete die jeweiligen Ergebnisse von uns zusammen . Ich war neugierig und guckte auf den Zettel. Da wurde heiss gerechnet, durchgestrichen und diskutiert. Ich will nicht angeben, aber ich glaube ja, ich haette die jeweils 4 Zahlen sicherer addiert. Aber nun gut, vielleicht waren sie ja aufgeregt. Ich war die Ruhe selbst. Kompetenz. Unser Hauptjuror ging verheissungsvoll auf die Buehne und Nr. 4 vergab einen Preis an eine fuenfte Knadidatin – keine Ahnung wo die ploetzlich herkam-, aber sie bekam den “Preis der Freundschaft”. Soll sein. Nun wurde mir hektisch gewunken. Ich bekam Panik. Schliesslich ging auch ich auf die Buehne. Und als ich oben war sah ich es: Eine Kandidatin weinte schon. Scheisse! Niemand sollte wegen so einem Mist wie einer Misswahl weinen. Sie war da anderer Meinung, hatte rote Augen und war traurig. Ich dann auch. Ich sollte den vierten Preis vergeben und das natuerlich an das weinende Maedchen. Mir wurde nun ein Silberteller mit verschiedenfarbigen Schaerpen hingehalten. Ich fragte noch: “Welche Farbe?”, aber keiner wusste das so genau. Dann aber doch: “Gruen”. Ich suchte Gruen und hielt die Schaerpe in der Hand. Aber was nun? Haben Sie schon einmal eine Schaerpe umgelegt. Ich nicht. Schrift muss nach vorne – ist klar. Dann legt man das Ding so ueber die Schulter, dass das Teil den Koerper kreuzt. Ja und dann? Ich legte sie ueber die Schulter. Erste Rufe: “Andersrum!”. Ich legte das Ding ueber die andere Schulter. Rufe: “Andersrum!!”. Einige lachten. Mist: Die Schrift war auf dem Kopf. Ding zweimal gedreht, ruebergelegt – geschafft. Aber: Wie zur Hoelle machte man so ein Ding zu. Das war offen, so wie ein langer Schal. Ich ueberlegte und suchte. Nicken half dismal nichts. Ich suchte: Es gab keinen Klettverschluss und ein Knoten waere doch auch unaesthetisch gewesen oder? Von rechts kam eine Frau und wedelte mit einer kleinen gelben Plastiktuete rum. Grade jetzt – ich brauchte Ruhe. Vor mir stand schliesslich ein weinendes Maedchen mit Blick zum Publikum und ich bekam die Schaerpe nicht zu. Mist. Einen Reissverschluss oder so gabs auch nicht, also vieleicht doch knoten? “Ach er ist so aufgeregt” sagt Juror Nr. 1 durchs Mikro. Von rechts kam wieder Gelbeplastiktuete. Ich guckte genauer hin und entdeckte kleine goldene Sicherheitsnadeln. Die Anspannung stieg ins unermessliche: Publikm, weinendes Maedchen und in meinen Haenden zwei Enden einer gruenen Schaerpe und eine Minisicherheisnadel. Also unter Druck dieses kleine Ding aufkrigen, die Enden durchstossen und die Schoenheit nicht verletzten und das alles moeglichst schnell. Puh – geschafft.

Ich “gratulierte” ihr und trat beruhigt ein paar Schritte zurueck. Und? Die Schaerpe war auf ihrem Ruecken einmal verdreht. Mist. Hoffentlich dreht sie sich nicht zum Publikum! Tat sie aber nicht, sie setzte sich traurig wieder hin. Die Preisverleihung ging weiter und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass die Anderen sich nicht unbedingt besser angestellt haben als ich. Fuer den dritten Platz war die Schaerpe schon geschlossen – ich fand das unfair. Fuer den 2. Platz hat die Schaerpenaktion auch seeeeeeeeeeeeeeehr lange gedauert und die Schaerpe der Siegerin blieb schliesslich offen.

Ein schoenes Abenteuer, oder? Davon werde ich noch meinen Enkeln erzaehlen. Und, wie wars im Nachhinein? Spannend? Interessant? Leicht peinlich? -Vielleicht, aber ich wuerd´s wieder tun…

glg