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Gal

Moechten Sie zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hoeren? Meine Mama will immer zuerst die schlechte Nachricht, vielleicht weil dann die Pointe besser ist, so genau weiss ich das gar nicht. Was aber nun tun, wenn es keine Pointe gibt? – Dann kann ich es doch so machen wie ich will, oder? Also zuerst die gute Nachricht: Ich lebe noch! Die schlechte Nachricht: Ich habe mir relativ lange ernste Gedanken darueber gemacht, wie lange diese Aussage auf mich wohl noch zutreffen wird. Der Gedanke kam mir auf einem Boot zwischen den Galápagosinseln als ich gerade einen Zitronentee in der Hand hatte und auf den blaugruenen Ozean hinausblickte. Aber ich muss weiter ausholen:

Der letzte Tag unseres Galápagosurlaubs. Wir – also Lilly, Annika und ich – hatten gerade eine Riesenschildkroetenfarm besichtigt und sassen nun in einem Internetcafe. Da rief uns ein Freund aus Guayaquil an und sagte uns, dass es dort gerade sehr gefaehrlich sei und er uns vom Flughafen abholen wuerde. Hm, was heisst den wohl “sehr gefaehrlich”? – Wir schauten schnell auf der Internetseite der Tageszeitung “el universo” nach, um die Sache zu klaeren. Nun ist mein Spanisch schon aus den Kinderschuhen rausgewachsen aber trotzdem reicht es noch nicht aus, um gleich das Universum zu verstehen. Also befragte ich den Google-Uebersetzer:

“Die Offiziere der verschiedenen Regimenter des Landes beschlossen, nicht auf die Strasse gehen zur Arbeit, und Gehorsamsverweigerung auf die Entscheidung der Regierung, eine Reihe von Vorteilen fuer die Zulassung durch den Gesetzgeber, den oeffentlichen Dienst zu unterdruecken.

Nach der Maßnahme in der Tat, und keine Polizei, mehrere Fälle von Übergriffen und Plünderungen in der Stadt auftritt, und die 101-Nummer für Hilfe, Notfall, nicht beantworten.“

Hm, das hilft also auch nicht wirklich weiter. Aber was war den nun passiert? Heute weiss ich es:

Der Praesident Raffael Correa wollte ein Gesetz verabschieden, welches alle Bonuszahlungen im oeffentlichen Dienst untersagt und die Zeit zwischen Befoerderungen verlaengert. Das wollte sich die Polizei aber nicht gefallen lassen: Sie nahmen den Praesidenten quasi als Geisel und hoerten auf zu arbeiten.

Nun kann man sich vorstellen, was wohl in Ecuador passiert, wenn es keine Polizei mehr gibt… Unter anderem war der Flughafen gesperrt und es gab Strassenschlachten und Pluenderungen. Wenig spaeter rief mich mein Gastbruder an und sagte uns, dass wir auf keinen Fall alleine zurueckkommen sollten; er wuerde uns vom Flughafen abholen. Ok, wenn uns alle abholen wollen kann es ja auch nicht so gefaehrlich sein – dachte ich-, aber dann kam eine SMS von Maggie: Die Lage sei sehr gefaehrlich, Busse und Taxis wuerden ueberfallen und man wuesste nie, wie lange so ein Zustand dauert: ein Tage, eine Woche oder auch einen Monat.

Hui ui ui.

Also selbst wenn wir in Guayaquil ankommen wuerden, waere es alles andere als sicher, dass wir auch heile in den Guasmo kaemen. Wenig spaeter lag ich nun auf unserem Boot. Meinen Tee hatte ich mittlerweile ausgetrunken und ich lag unter der prallen Sonne auf dem Deck, links von mir eine blonde und rechts von mir eine braunhaarige Chica im Bikini. Und als ich so ueber das Meer schipperte machte ich mir so meine Gedanken ueber den Tod. Tja, auf dem Pazifik, an Bord eines Schiffes, pralle Sonne, umrahmt von 2 Chicas und Gedanken ueber den Tod: Wer hat den sowas schon mal erlebt? Wem ergeht es genauso? – Drogenbossen? Mafiosi? Korrupten Ministern? – Gehoerte ich jetzt zu einer hoeheren Kaste? Eigentlich egal, wenn man bald …

Aber ich lebe doch so gerne.

Meine Gedanken wurden von dem Mittagessen unterbrochen, es gab Languste. Dass unser Koch Caesar sein Handwerk beherrscht, war mir schon am ersten Tag klar – da gab es Hummer. Zu der Languste gab es noch eine weitere Fleischsorte und Kartoffeln, alles sehr lecker! Der Nachtisch war dann Wassermelone. Aber ich schweife ab. Die Polizei hatte den Praesidenten als Geisel und in Guayaquil war Ausnahmezustand, es war Alles moeglich: Man koennte auch einfach im Taxi ueberfallen werden.- Hm, sterben? Jetzt schon? Noe, der naechste Ausflug stand an. Ach da, 3 Pinguine: suess! Und eine Wasserschildkroete, davon gibts wirklich viele hier und teilweise sehr gross. An Land gibts die auch, also die Riesenschildkroeten, aber die Maennchen laufen nur etwa einem Meter am Tag. Ach, ich schweife schon wieder ab. Das Militaer versuchte mit Gewalt den Praesidenten zu befreien. Der Guide meint wir haetten Glueck: In einem Kanal treffen wir auf 11 Haie. Haie? Ist das ein Zeichen? – Von wegen Glueck: Weisse Tauben waeren mir grade lieber… Also vergessen wir die Haie. Aber warum gerade 11? Ist das ein Zeichen? Aha, Zahlensymbolik, was weiss ich denn ueber die 11? Schwer… Ah, klar: natuerlich Bach: H-Moll Messe, 11 homophone Akkorde im “Crucifixus”, wenn Jesus ans Kreuz genagelt wird. Oi, auch kein schoener Bezug. Also vergessen wir die Zahlensymbolik, glaubt eh keiner dran. Ich jetzt auch nicht mehr. Wir ziehen weiter.

Tod, sterben, morgen? Oi, fettes Fiech links: ein … Leguan (ich kann die Dinger immer noch nicht unterscheiden, aber die Gelben gefallen mir am besten), denke ich mir, als ich hinter Lilly und dem Guide durch die schwarze Felsenwueste tappse. Der ist echt gross und wenn man genau guckt gibts noch viel mehr: ganz viele kleine schwarze … Leguane – oder so. Entschuldigung, ich schweife schon wieder ab. Aber vielleicht will ich das ja auch, so schoen ist das Thema ja nun auch wieder nicht. Also lassen Sie uns abschweifen: Der Urlaub ist super! Und an dieser Stelle moechte ich wirklich mal eine Sense fuer ein sehr nettes Voelkchen brechen: Die Niederlaender! Acht sind mit uns auf dem Boot und alle sind wirklich sehr freundlich. Ich habe von ihnen ein neues Kartenspiel gelernt: “Tuppen”. Beim “Tuppen” ist die Reihenfolge der Werte: Bube, Dame, Koenig, Ass, 7, 8, 9, 10; also ist 10 die hoechste Karte. Jeder Spieler bekommt vier Karten und … Ok, dass wuerde dann doch zu weit fuehren. Am besten haben mir die Riesenschildkroeten gefallen und bei meinem letzten Schnorchelausflug war auch das Letzte was ich gesehen habe eine Riesenschildkroete. Am Ende hat sie abgedreht und es kam mir so vor, als haette sie mir zum Abschied einmal mit der Flosse (?) gewunken. Ob sie damals schon mehr wusste als ich? Auf jeden Fall faszinieren mich diese grossen Fiecher, die sind so friedlich. Ich hab auch einigen beim Fressen zugesehen: In ihrem kleinen Kopf muessen die ziemlich starke Kiefermusklen haben, denn die koennen mit ihren kleinen Maeulern ziemlich fest ins Gras beissen. Am naechsten Morgen ist noch nichts wirklich geklaert, aber wir fliegen zurueck nach Guayaquil, denken wir alle zumindest, doch das Flugzeug fliegt nach Quito, keiner weiss warum. Was ist den in Guayaquil blos los? Also statt einem Flug nun 2, einmal nach Quito und spaeter nach Guayaquil. Statistisch gesehen liegt die Wahrscheinlichkeit bei einem Flugzeugstart zu sterben bei 1/684.375.000 und bei der Landung 1/268.382.353. Dass das Flugzeug von oben abstuerzt, dafuer liegt die Wahrschienlichkeit bei 1/506.944.440. Nun fliege ich aber zweimal! Schoen, mal was zum Rechnen: Also Start, Flug, Landung, Start, Flug und Landung; dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich gar nicht lebend in Guayaquil ankomme: 1/684.375.000 + 1/268.382.353 + … = 2/136.875.000. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei jedem Start, Flug und Landung sterbe ist dann 1/684.375.000 * 1/268.382.353 – Ach, macht ja keinen Sinn; man stirbt nur einmal. Hm, “O Tod, wie bitter bist du …”, wobei: “O Tod, wie wohl tust du. Wie wohl tust du dem Duerftigen, der da schwach und alt ist. Der in allen la, la laaaaaa…”. Eben, da hilft es auch nichts sich noch kuenstlich aufzuregern. Und wie heisst es doch so schoen: “Leben und sterben Lassen!”.

Makaber, makaber, makaber… Aber vielleicht ist das ja die beste (oder einzige ?) Moeglichkeit mit der Sitaution hier umzugehen.

Bilanz nach zwei Monaten: Ein junge mit einer gebrochenen Nase, Schiessereien, Strassenschlachten, Pluenderungen, mehrere Tage mit Trauerfeiern, zwei Beerdigungen und mehrere Tote. Wobei, bei der groessten Schiesserei hier war ich gerade im Urlaub in Cuenca und waehrend des Ausnahmezustands gerade auf Galápagos. Irgendwo da oben gibt es einen Schutzengel, der auf uns aufpasst und er macht seine Sache verdammt gut. Danke lieber Gott.