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heisser Kakao mit Wichteln

“9 Uhr bis 12 Uhr warmer Kakao fuer den Geist” – das war die Ansage. Aber ich war so muede. Die Hitze des Tages stand schon in den Startloechern, am Abend vorher war die Weihnachtsfeier der Musikschule gewesen und so sehr ich auch Puenktlichkeit schaetze, Aufstehen um 8:20 war einfach nicht drin. Um 8:50 erhob ich mich und schleppte mich unter die kalte Dusche, danach 2 Glaeser  Wasser und 2 Toast mit Wurst. Und was dann?
Es sollte gewichtelt werden; jeder der mich kennt haette mein Geschenk auf Anhieb erkannt: mir war das Geschenkpapier “ausgegangen” und nun war das grosse gelbe Kissen oben rum mit Geschenkpapier und unten rum mit einer gruenen Plastiktuete abgedeckt.
Ich war zu spaet – keine Frage – aber trotzdem wollte ich nicht alleine mit einem grossen Geschenk unter dem Arm durch den Guasmo laufen. Also: Annika anrufen. Ging keiner ran. Nochmal. Nichts.
Also bin ich doch einfach zu ihr hingelaufen, mit dem eingepackten Kissen unter dem Arm. 9:30 – Annika schlief. Tja was solls, wir mussten dahin – also: wecken lassen. Um kurz nach 10 betraten wir beiden zusammen die heiligen Hallen von “Mi Cometa” und … sagen wir einfach: wir bildeten wohl noch die „Vorhut“. Auch von Kakao war keine Spur zu sehen.
Wir erregten die Aufmerksamkeit einer Muecke und kaempften einen aussichtlosen Kampf gegen das stechende Fiech – ich kratze mich jetzt noch. Waehrend ich mit meinem rechten Flip-Flop verzweifelt durch die Luft wedelte, fuellte sich langsam der Raum. Bald kamen wir auf 13 Frauen und 2 Maenner.

Wir setzten uns alle in einen Kreis und rechts neben mir sass eine Frau mit einer weiss-türkisen Leggins im Jeanslook und einem brauen Leopardenfelloberteil. In den Haenden hielt sie eine Bibel, in deren Mitte eine gruene Kerze steckte.  Die Praesidentin ergriff das Wort und das erste Handy klingelte – das Handy der Bibelfrau. Zwei weitere Ecuadorianer betraten den Raum und der eine salutierte und rief laut ein “Buenos dias” in den Saal, ungeachtet dessen, dass die Praesidentin noch redete. Irgendwie schien mir das Alles etwas absurd. Vor dem Haus ging die Alarmanlage eines Auto los und das Handy der Praesidentin klingelte auch. Wo war ich denn gelandet?

Nach den Einfuehrungsworten ging es dann unvermittelt biblisch los:  Paulus` Brief an die Philliper. (Ich habe mir die Stelle extra gemerkt.) Aber um ehrlich zu sein: ich hoerte nicht zu. Zum einen kaempfte ich noch mit der Muecke, weiter hatte niemand ausser Annika und mir ein Geschenk dabei und … ich hatte Nachdurst. Und es war heiss. Ausserdem hielt die Frau in der rechten Hand, neben der Kerze, eine Packung Streichhoelzer mit Maggieaufschrift. Das faszinierte mich. Warum kann ich auch nicht sagen, aber die Aufschrift und das Bild eines gebratenen Huehnchens erregten meine Aufmerksamkeit.
Nun habe ich nie Theologie studiert, aber ich moechte behaupten, dass nirgendwo in der Bibel etwas steht wie: “Wer am lautesten Schreit hat Recht”.  Nach dem Vortrag der Bibelstelle ereiferten sich jedoch drei Frauen darin, diese Bibelstelle zu erklaeren. Jede wollte als erste die Exegese beginnen und das Wort Gottes auf unsere Situation uebertragen.

Hiernach wurden 5 Psalme vorgelesen und wiederholt und ich gab den Kampf gegen die Muecke auf. Es folgte ein NGL-artiges Lied, dessen Text ich natuerlich nicht kannte, wobei ich bei weitem nicht der Einzige war und ich stellte fest: Von Kakao keine Spur.

Dann kam die Kerze. Sie sollte im Kreis rumgereicht werden und jeder sollte etwas sagen, was ihm dazu einfiel. Ich stand links von dem Startpunkt. Zum Glueck ging die Kerze rechts herum. Ich hatte also etwas Zeit um mich geistig vorzubereiten…
Nun kamen Stellungnahmen wie “Licht ist Gott, Gott ist Leben und ich wuensche uns allen…” oder “Fuer mich ist Licht Liebe und…” – ich hoerte geduldig zu und erfreute mich an den Saetzen. Meine Lieblingsantwort war allerdings: “Licht entsteht durch Elektrizitaet und ich wuensche allen Brauereien immer viel davon, damit alle Ecuadorianer immer genug Bier haben!”. Knaller – haette ich mich nicht getraut, aber hinter diese Aussage konnte ich mich auch stellen.
Nun kam der Kelch auch in meine Naehe. Ich bin kein Mann der grossen Worte. Im Grunde sagt doch auch ein demuetiger Blick mehr aus als Tausend spanische Worte – oder? Damit – so dachte ich – haette ich meinen Standpunkt zu der Kerze gefunden. Aber 2 Personen vor mir kam Annika an die Reihe. Das war gefaehrlich. Und was soll ich sagen? Reden ist Silber – Annika war Gold. Mist, das wollte ich doch machen. Also nam ich alle meine Spanischkenntnisse und meine rhetorischen Faehigkeiten zusammen und brachte die Kerzenmetaphorik auf den Punkt: “Gracias”. Ich reichte schnell die Kerze weiter. Hm, selbst den demuetigen Blick hatte Annika besser ruebergebracht als ich;  ich hatte einige Lacher auf meiner Seite.

Der Spass ging weiter. Nun sollten wir mit einem Bleistift schlechte Erinnerungen aus dem Jahr 2010 auf kleinene Zettel schreiben, die anschliessend verbrannt wurden. An sich (!) finde ich diese Sache ja gut und schoen ABER (und nun als positive Ich-Botschaft ausgedrueckt:) durch das Feuer in einem geschlossenen Raum in Ecuador “fror ich noch weniger”.  Der Qualm zog in meinen trockenen Hals und mein Koerper versuchte klaeglich zu schwitzen. Warum gab es denn auch keinen Kakao oder immerhin Wasser?

Nun war es schon 11:45. Mittagssonne, kein Luftzug. Frohe Weihnachten.
Mein Wichtelgeschenk tronte einsam und verlassen auf einer Theke. Immerhin kam nun der Kakao und dazu so ein suesses Weihnachtsbrot.
Gewichtelt wurde nicht mehr, aber ich verschenkte mein Kissen trotzdem.
Es war doch Weihnachten…

glg