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Unser Ecuador

In diesem Land gibt es eigentlich wirklich alles: Traumstraende, Sonne, Cocktails, exotische Fruechte, Berge, Regenwald, warme Quellen, Massagen, Fuenfsternehotels, Altstaedte und und und…

Aber unser Ecuador ist anders, denn unser Ecuador heisst: ”Guasmo-Sur.”
Der Guasmo ist ein Stadtteil – ein sogenanntes Armenviertel – von Guayaquil, der groessten Stadt Ecuadors. Hier sind alle Geschaefte vergittert, hier brennt die Sonne auf die kaputten Strassen, hier wird Muell an jeder Ecke verbrannt, hier schuetten viele Familien ihr Abwasser einfach auf die Strasse, hier hoert man Schuesse in der Nacht und hier kaempfen die Muecken in der Regenzeit um die Weltherrschaft.

Reisefuehrer haben Recht, wenn sie sagen:

“Die Strassen von Guayaquil sind mitunter ein gefaehrliches Pflaster und werden ihrem schlechten Ruf oftmals gerecht. Es wird daher auch eindringlichst davor gewarnt, eines der beruechtigten Elendsviertel besuchen zu wollen (z.B. Mapasingue, Isla Trinitaria, Febres Cordero, weite Bereiche des Guasmo), […]”

Anfangs durfte ich nie alleine rausgehen. Egal ob es vormittags oder mitten in der Nacht war, immer musste mich jemand begleiten. Mittlerweile sind diese Zeiten vorbei und bis etwa abends um halb 10 gehe ich hier alleine herum. Einem anderen Weissen bin ich dabei noch nie begegnet; ich find das auch eigentlich ziemlich cool, um nicht zu sagen: todescool.
Letztens habe ich mich sogar auf dem Weg zu einer Familie verlaufen. Und? Nicht’s passiert. Ich fuehle mich hier sicher.

Mir will auch keiner was tun; ich werde hoechstens auf ein Bier eingeladen.

Die Menschen kennen mich jetzt, den Weissen, den “Gringo”. Meine gaengigen Spitznamen sind (je nach Bartlaenge): “Chuck Norris” oder einfach “Chuck” (wobei es eher wie “Chock” klingt, aber was soll`s…), “Elizaga” (ein Fussballspieler), “Menendez” (ein anderer Fussballspieler) oder, wegen eines Internetskandals des Fussballstars, auch “Facebook.”

Ich lebe hier, ich gehe hier umher und erlebe eine andere Realitaet.

Wenn etwa Menschen mit einem gespannten weissen Bettlaken durch die Strassen ziehen, dann bitten sie um Geld, weil ein Angehoeriger gestorben ist und sie kein Geld fuer die Beerdigung haben.

In unserem Haus gibt es anscheinend das einzige Telefon in unserer Strasse. Nicht selten ruft hier jemand an und sagt mir dann, dass er/ sie jemanden sprechen moechte. Ich laufe also danach von Haus zu Hause und frage nach, wo Señor … oder Señora … wohnt.
Jedes Wochenende wird vor unserem Haus gegrillt und Bier getrunken, denn gegenueber wird immer so eine Art Volleyball gespielt. Das Spektakel beginnt in etwa um 16 Uhr mit Bier, spaeter kommt der Sport und danach dann der Grill dazu; Chuzos, Huehnerspiesse oder Kochbananen. Sehr unterhaltsam kann ich Ihnen sagen…

Und auch sprachlich wurde ich nun voll und ganz eingenordet: Selbst ich begruesse und verabschiede hier meine Freunde mit Begriffen, die ich frueher nicht einmal meinen „Feinden“ an den Kopf geworfen haette.

Das Leben hier ist merkwuerdig, ohne Frage. Aber auf ein sehr komische, aber doch aestethische Weise wundervoll.
Und wie waere es sonst zu erklaeren, dass wir Deutschen immer wieder hierhin kommen?

Man braucht im Leben vieles, aber vieles eben auch nicht. Das wird einem immer wieder klar. Aber etwas braucht man auf alle Faelle: nette Menschen um einen herum. Und die gibt es hier zu Hauf.

 

glg

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