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Annas Reisetagebuch

Hallo liebe Familie, liebe Freunde, liebe MoGs, liebe Steyler und Unterstützer,

jetzt bin ich schon vier Monate hier in Ecuador, in der Stadt Guayaquil im Stadteil Guasmo Sur. Immer noch gefällt es mir sehr gut, ich fühle mich wohl und SICHER.

Vielleicht kann ich direkt erst einmal etwas über dieses Thema Sicherheit berichten: Also die Gefahren, die hier für mich und auch für die Einheimischen bestehen, sind zum einem, dass man auf der Straße oder im Bus bedroht und ausgeraubt werden kann, zum anderen die Schießereien, die allerdings keine direkte Gefahr darstellen, solange man nicht Mitglied einer der Banden ist oder die Gefahr der sexuellen Belästigung (die auch in Deutschland besteht). Meine Sicherheit vor diesen Gefahren besteht darin, dass ich immer und überall mit einem der Ecuadorianer unterwegs bin. Ich würde zum Beispiel nie auf die Idee kommen mich alleine in öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen. Die Guayaquilenos wissen Bescheid, auf was sie achten müssen und wie sie reagieren müssen, falls doch etwas passieren sollte. Das liegt natürlich auch daran, dass dies ein Teil ihrer Lebensrealität darstellt und normal für sie ist. Und dadurch, dass ich hier nun schon vier Monate lebe und mich an alles gewöhnt habe und mich wie zu Hause fühlen kann, fühle ich genau wie die Menschen hier, was diese Gefahren angeht. Es ist Teil unserer Lebensrealität, man arrangiert sich damit und passt sich den Umständen an. Auch wäre es sehr schlecht, wenn man da, wo man wohnt und lebt, das, was man sein zu Hause nennt, in ständiger Angst leben würde.

Nun ein paar Sätze zu meinem Alltag: Morgens stehe ich gegen 8:00h auf und frühstücke. Zu 10:00h gehe ich dann in die Musikschule und fange an zu unterrichten. Morgens haben einige Mitglieder der Musikschule Zeit, da sie entweder nachmittags ins Colegio (weiterführende Schule) gehen oder zurzeit keine Arbeit haben. Ich gebe ihnen dann Unterricht oder wir räumen zum Beispiel die Musikschule auf, unterhalten uns oder machen sonst irgendwas, was der Schule nützlich erscheint.

Gegen 12:00h bin ich dann wieder zu Hause um Mittag zu essen. Um diese Zeit kommt auch mein 11-jähriger Gastbruder Michael aus der Schule. Wir essen dann zusammen und danach entspannen wir uns oder spielen ein Spiel oder unterhalten uns. Wir haben uns sehr lieb!

Dann um 15:00h bin ich wieder in der Musikschule, um zu unterrichten. Ich gebe Unterricht am Instrument der Trompete und habe auch Unterricht mit Schülern, die Klarinette und Posaune spielen. Später am Nachmittag haben wir zweimal in der Woche eine Probe mit einem Bläserensemble, welches von mir geleitet wird. Dies macht mir nun, nach anfänglichen Schwierigkeiten, auf Grund meiner eher ruhigen Persönlichkeit, sehr viel Spaß. Auch kann es manchmal etwas anstrengend sein, aber diese Anstrengung lohnt sich, denn wir haben Spaß an der Musik und wir können in einigen Präsentationen, speziell dieses Ensembles, Erfolge verzeichnen.
Um 19:00h bin ich dann wieder zu Hause um zu Abend zu essen. Um 19:30h gehe ich wieder zur Musikschule und unterrichte weiter und bekomme selber Unterricht am Instrument der Gitarre. Abends gegen 21:30h schließt die Schule. Danach sind wir meistens noch etwas Zeit zusammen und unterhalten uns über Gott und die Welt.
Gegen 22:30h bin ich dann zu Hause, hänge mein Moskitonetz auf, zum Kampf gegen die vielen Mücken, und schlafe.

Mittlerweile bin ich die einzige, die Unterricht gibt. Direkt nach der Projektphase mit den anderen Deutschen wurden Unterrichte untereinander eingeteilt. Dies hat ca. 2 Monate gut und kontinuierlich geklappt. Doch nach einer Weile ist es leider eingeschlafen.

Im Dezember hatten wir zwei Konzerte, die sehr gut gelaufen sind und sehr schön waren. Ein Konzert fand in einer Universität von Guayaquil statt, dieses Konzert haben wir eher poppig mit Gesang und Band gestaltet, während wir das andere Konzert in einem Museum an der Straße „9 de Octubre“ (wichtigste und bekannteste Straße von Guayaquil) eher klassisch gehalten haben und nur auf akustischen Instrumenten gespielt haben. Vor diesen Konzerten sind alle immer sehr aufgeregt (inklusive mir) und freuen sich auf das Konzert. Nach den Konzerten waren wir sehr froh über unsere Leistung und unseren Erfolg, aber auch erleichtert. Danach trifft man sich in einer Art Kneipe, genannt „Billard“, um den Erfolg zu feiern.

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Des weiteren kann ich noch über einige vergangene Festlichkeiten, wie Weihnachten, Silvester und die Erstkommunion meines Gastbruders Michael berichten.
Meine Befürchtung, dass der Tag der Erstkommunion wie jeder andere Tag vorbeiziehen würde, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. (Ich hatte diese Befürchtung, weil die Geburtstage hier nicht besonders gewürdigt werden.) Der Tag der Erstkommunion war dann aber ein sehr schöner und besonderer Tag. Ein Tag vorher und am Morgen dieses Tages waren alle ganz aufgeregt, was schon mal eine gewisse Stimmung brachte. Um 10:00h sind wir dann zur Messe in die Kirche gegangen. Die Kirche war sehr voll und die Messe war sehr schön. Ein Unterschied zu Deutschland ist, dass die Kommunionkinder in Ecuador zu diesem Anlass auch Paten haben. Sie haben eine Patentante und einen Patenonkel. Der Patenonkel von Michael ist der Vater einer befreundeten Familie und die Aufgabe der Patentante wurde mir vertraulich übertragen :). Als wir dann von der Kirche zurückkamen, waren die meisten Gäste schon da und das Haus war sehr schön geschmückt. Später haben wir zusammen gut gegessen und einen Toast auf Michael gesprochen.

Weihnachten empfand ich dieses Jahr als etwas merkwürdig. Zum einen gibt es hier nicht sehr die Tradition der Adventszeit und zum anderen war es ziemlich warm. So hatte ich bis zum Tag von Heiligabend nicht das Gefühl von Weihnachten. An diesem Tag sind wir dann aber in die Kirche gegangen und haben zusammen die Messe zu Heiligabend gefeiert. Diese Messe war sehr schön und ich bekam doch noch das Gefühl von Weihnachten. Danach haben mein Gastbruder und ich zu Hause für die Familie einige Weihnachtslieder gespielt und später zu 24:00h haben wir schön zusammen gesessen und gutes, weihnachtliches Essen gegessen. Dieses Jahr Weihnachten hatte ich also an Heiligabend, an dem Tag, der der wichtigste ist für dieses Fest – und es war ein sehr schöner Tag.

Silvester habe ich mit meiner Gastfamilie bei einer verwandten Familie verbracht. In Ecuador kauft oder bastelt man sich zu Silvester eine Puppe, genannt „Anos viejos“ (alte Jahre), und verbrennt sie zur Jahreswende um 24:00h, um das Schlechte des alten Jahres zu vergessen und neu und frisch in das neue Jahr zu starten. Diese Puppen können alles sein, es gibt zum Beispiel Schlümpfe oder andere Comicfiguren, Fußballspieler oder Dinosaurier oder aber den Präsidenten von Ecuador oder irgendeine andere berühmte Person (Karikaturen). Auch gibt es jede beliebige Größe. Die größte Figur, die ich gesehen habe, war zwei Stockwerke hoch. Die Ecuadorianer sind ein wenig verrückt ;) Aber das ist das, was ich an ihnen mag.
Der Abend zu Silvester lief dann also so ab, dass wir uns erst alle schick gemacht haben, um 24:00h auf die Straße gegangen sind, die „Anos viejos“ angezündet haben und uns alles Gute zum neuen Jahr gewünscht haben. Später gab es dann leckeres Essen und es wurde viel getanzt. Auch diese Nacht war ein sehr schönes Fest.

Gereist bin ich bis jetzt mit meiner Familie. Früher hat meine Gastmutter mit ihren Eltern und Geschwistern auf dem Land gelebt. Das Haus, in dem sie gelebt haben, steht noch und meine Gastgroßeltern fahren jedes Jahr für einen Monat dahin, um es wieder in Ordnung zu bringen. Dazu kommt über den Feiertag des 2. November (Allerseelen) die ganze Familie für drei bis vier Tage zu Besuch.
Ich hatte zu dieser Zeit Besuch von Linda (sie hatte mit mir zusammen die Vorbereitung für dieses Jahr des Freiwilligendienstes gemacht und ist nun auch für ein Jahr in Ecuador), weil der 2. November auch gleichzeitig mein Geburtstag ist. Alle zusammen sind wir mit meiner Gastfamilie also aufs Land VON ECUADOR gefahren und ich sage euch, das war ein Abenteuer!!! Angefangen von der Fahrt dorthin: In den Morgenstunden sind wir zum Busterminal (sowie Bahnhof in Deutschland/ Bus hat hier die Bedeutung von Bahn) von Guayaquil aufgebrochen. Von dort haben wir einen Bus genommen, der uns zu einer Stadt brachte, die nahe eines kleinen Dorfes liegt, das Sucre heißt. Von dort aus fahren Camionetas („Pick-Up’s“) über Schotterpisten und Hügel zu den einzelnen Häusern aufs Land. Die Personen werden hierbei hinten auf der Landefläche transportiert. Man sitzt dann da also mit ca. zehn weiteren Leidensgenossen auf der Ladefläche einer Camioneta, die bedauerlicherweise manchmal nicht genügend PS zu haben scheint, um ihre ganze Last über die Hügel zu bringen. So kann es auch mal vorkommen, dass die Camioneta auf halbem Weg auf dem Berg bedrohlich zurück rollt und ein neuer Versuch gestartet werden muss, um den Berg zu erklimmen. So ist man nach ca. zwei Stunden Fahrt, auf der es immer weiter in das Land hineingeht, am Ende froh, wenn man lebend aussteigen kann.
Das Haus, an dem wir angekommen sind, ist ein großes Haus auf Stelzen und aus Cana (ähnlich wie Bambus) gebaut. Innen befinden sich einige Zimmer und eine Küche. Die Küche besteht aus einer offenen Feuerstelle, an der gekocht wird. Fließendes Wasser oder ein Badezimmer gibt es in diesem Haus nicht. Das heißt, sein Geschäft verrichtet man unterhalb des Hauses auf dem Plumpsklo, begleitet von summenden Fliegen und zum Kleidung waschen und duschen geht man zum nahe gelegenen Fluss. Ich mochte es dort zu baden, ich habe mich sehr mit der Natur verbunden gefühlt. Um im Haus zu kochen wurde mit Eseln Wasser und jegliche leckeren Früchte und andere Produkte der unberührten Natur zum Haus gebracht. Meine Gastoma zauberte daraus dann immer sehr leckeres Essen.
Geschlafen haben wir unter einem Moskitonetz auf dem Boden, denn es gab keine Betten. Linda und ich waren froh, dass wir dieses andere Leben kennen lernen konnten, vor allem waren wir froh, dass wir diese Erfahrung zusammen gemacht haben, denn teilweise war es echt anstrengend und gewöhnungsbedürftig (auch wenn wir nur kurze Zeit da waren), wenn man normalerweise andere Verhältnisse gewöhnt ist. Da lernt man die verbesserte Lebensqualität durch fließendes Wasser wirklich zu schätzen!

Als ich von dieser Reise zurückkam habe ich mit den Leuten von der Musikschule meinen Geburtstag gefeiert. Es gab eine Fiesta in der Musikschule, wir haben viel gelacht, getanzt und ein wenig Bier getrunken. Das war sehr cool und hat allen Spaß gemacht :). Ende Januar habe ich ein sogenanntes Zwischenseminar in der Stadt Banos (Ecuador). Dort werde ich andere Freiwillige aus Deutschland treffen, um auf die vergangene Zeit zurückzuschauen, zu reflektieren und um Erfahrungen auszutauschen und auch, um auf die kommende Zeit zu blicken. Das wird bestimmt sehr gut und spannend. Danach werde ich mit Linda ein bis zwei Wochen Ecuador erkunden.

Das war es erst mal von meiner Seite. Vielen Dank für das Interesse an meinem Bericht! Ich wünsche allen alles erdenklich Gute für das neue Jahr! Bis zum nächsten Bericht,

Eure/Ihre Anna zum Stickling

2 Kommentare

  1. Hallo Anna,
    Dein Bericht ist ja total super geschrieben,
    macht Spaß zu lesen das es Dir in Ecuador so gut gefällt und was Ihr dort so tolles macht.
    Hört sich ja fast so an als wenn Du kein Heimweh hast.
    Freue mich schon auf Deinen nächsten Bericht.

    LG aus Drensteinfurt und Berlin von Deinen Verwandten,
    besonders von mir.

    Genieße die restliche Zeit noch ein wenig und komme gesund und munter wieder nach Hause.

    LG Bärbel

  2. Hallo liebstes Aennchen!
    Das freut mich gerade riesig, dass du was geschrieben hast, genau die ganzen Sachen wollte ich auch wissen:)
    Ich wuerde auch echt gerne die Kultur dort erleben, da mich sowas ja bekanntlich sehr interessiert.
    Du musst uns auf jeden Fall auf dem Laufenden halten!
    Von uns hoerst du ja immer zwischendurch was, wir haben gerade beschlossen, dass wir Jana und Sabine in Australien besuchen werden:) Falls du es noch nicht weisst.
    Weiterhin eine so bezaubernde Zeit, deine Farinchen;)

Kommentare sind geschlossen.