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Halbzeit in Guayaquil

Die Hälfte der Projektphase in Guayaquil ist vorbei. Bergfest, quasi. Zumindest für die Musiker ohne Grenzen, die nach dem 08. September das Projekt verlassen und zurückfliegen nach Deutschland. Auch wenn das nur vier der insgesamt elf MoGs betrifft. Die meisten bleiben noch bis Weit in den deutschen Winter hier vor Ort.

Seit dem ersten Treffen in der Musikschule Clave del Sur hier in Guyayquil am 06. August ist jede Menge passiert. Der Betrieb in der Musikschule hat sich mittlerweile auf eine Art Alltag eingependelt. Dazu gehört das hier übliche Chaos: immer wieder kommen Schüler gar nicht oder sie kommen zu spät oder zu anderen Zeiten, als sie eigentlich eingeplant sind. Einige Lehrer geben ihre Stunden spontan all denjenigen, die gerade da sind, und die Lust haben. Und das sind meistens viele – hier im Guasmo gibt es außer der Musikschule kaum Anlaufstellen oder Freizeitbeschäftigungen. So herrscht vor allem am Nachmittag ein wahres Gewusel in der Musikschule, der Aufenthaltsraum ist voll mit Musikschülern jeden Alters. Spontan werden die Unterrichtsstunden zu Bandproben, Ensembles und Jamsessions umfunktioniert.

Die Fähigkeiten vieler Schüler haben mich von Anfang an beeindruckt. Die Leute hier sind mit so viel Spaß und Begeisterung dabei, dass sie sich mittlerweile auch außerhalb der Projektphasen Instrumente beibringen. So gibt es beispielsweise eine Musikschulband, deren Drummer anhand eines Buchs sein Instrument gelernt hat und mittlerweile auch für deutsche Bandverhältnisse ein wirklich amtlicher Schlagzeuger ist.

Die Schüler gehen in ihrer Freizeit in die Internetcafés der Umgebung und laden sich Noten und Tabulaturen herunter, die sie dann anhand von YouTube-Videos nachspielen. So entsteht eine Atmosphäre in der Musikschule, in der immer wieder erstaunlich hochwertige Bandprojekte entstehen. Eine Band schreibt sogar schon ihre eigenen Songs, so dass in diesem Jahr ein Songwriting- und Recording-Projekt möglich ist. Den Song „Claro“ von EnRed gibt es bald hier auf der Website zu hören und vielleicht sogar zu sehen.

Außerhalb des Unterrichts spielt sich ein Großteil unseres Lebens im Umfeld unserer Gastfamilien ab. Durch das Zusammenleben auf engstem Raum entsteht ein besonderer Austausch. Das betrifft vor allem die Sprachkenntnisse, die durch den ständigen Zwang, Spanisch zu sprechen und zu hören, überraschend schnell verbessert werden. Wir MoGs sitzen zu jeder Zeit mit den Ecuadorianern im gleichen Boot. Es wird gemeinsam gegessen, einige wurden bereits zu Familienfesten eingeladen, den gemeinsamen Strand- oder Marktbesuch haben mittlerweile so gut wie alle miterlebt.

Die Gastfreundschaft der Menschen hier ist unglaublich. Mir wurde ein eigenes Zimmer freigeräumt, andere Familien realisieren ihre Anbauvorhaben extra pünktlich zum Eintreffen der MoGs. Das, was sie haben, teilen sie mit uns, als wären wir schon seit langem Teil ihrer Familie. Der Lebensstandard ist mit Deutschland natürlich nicht zu vergleichen. Die Häuser erinnern eher an Hütten, der Platz ist gering, einige MoGs teilen sich ihr Zimmer mit drei bis vier anderen Familienmitgliedern, manchmal gibt es wohl nicht mal ein eigenes Bett für jede Person. Die Wände sind meistens weder verputzt noch gestrichen, das Dach besteht aus Wellblech und liegt auf einem provisorisch zusammengezimmerten Gestell aus Holzbalken. Da die Wände nicht bis zum Dach reichen, sind alle Räume quasi offen. Privatsphäre existiert kaum, und es ist manchmal unglaublich laut. Der Strom hängt in Kabeln von der Decke oder den Wänden, aber er funktioniert bisher immer zuverlässig. So sieht es hier aus, in Guasmo Sur, dicht an dicht stehen die Häuser mit ihren vergitterten Fenstern.

Der Stadtteil scheint generell durchaus gefährlich zu sein. Man hört öfter von Schießereien und Überfällen. Direkt an meinem zweiten Tag, auf einer Tour mit meinem Gastbruder, wurden mir einige Geschichten erzählt: „Hier wurde meine Tante ausgeraubt und verprügelt“, „hier haben sie vor 2 Jahren meinen Onkel erschossen“. Trotz dieser Geschichten fühlt man sich sehr sicher, was vor allem an den Gastgeschwistern und -eltern liegt, die einen außerhalb des Hauses ständig begleiten und es ein wenig normaler machen, dass man zusammen mit den anderen MOGs der einzige Ausländer / Weiße im Umkreis ist. So sind auch Ausflüge in die Innenstadt und ins Kino kein Problem. Auch hier sind wieder viele Schüler aus der Musikschule mit von der Partie. Eine bunt gemischte Gruppe aus MoGs und Eccies, die sechs Wochen alles Mögliche zusammen unternehmen.

An diesem Wochenende wird das Bergfest mit dem alljährlichen Lehrerkonzert gefeiert, nächste Woche steht dann wieder der Unterricht und ein gemeinsamer Ausflug mit den MoGs aus Playas und den Eccies an. Die letzten Wochen hier in Guayaquil möchten schließlich ausgekostet werden.