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Gedanken zum Guasmo

Abends um halb 12 im Guasmo. Ich sitze im Wohnzimmer meiner Gastfamilie, und obwohl es schon so spaet ist, denkt noch keiner an schlafen. Meine Gastmama fegt das Wasser durch die Hintertuer hinaus, das sich in kleinen Pfuetzen an der Wand ansammelt. Das ist so, weil der Schlauch, der fuer Duschen, Tellerwaschen und alles andere  benutzt wird und durchs Haus gelegt ist, leck ist. (Rohre durch die Wand, Waschbecken und Dusche gibt’s bei mir in der Familie nicht.) Meine Gastnichten und –Neffen sitzen neben mir vorm Fernseher und schauen eine Zeichentrickserie. Es ist zum Glueck heut Nacht nicht ganz so heiss, sodass ich vielleicht mal ohne zu schwitzen schlafen koennen werd. Der Regen plaetschert draussen vor sich hin (das kann ich hoeren, weil wir keine Fensterscheiben haben – braucht man bei der Hitze aber auch nicht). Die Muecken zerstechen mich nichtsdestotrotz – aber das kann ich ignorieren (gut, stimmt nicht ganz, ich werde die Stiche wie alle Deutschen hier hinterher bestimmt wieder aufkratzen)

Mir wird etwas melancholisch zu mute, wenn ich bedenke, wie schnell die Zeit vergeht, schon mehr als 7! Monate meines Aufenthaltes hier sind rum. Aufenthalt. Der Ausdruck ist komisch, aber er passt, das hier ist ja nicht mein “echtes” Leben, so sehr ich es auch vermissen werde. Aber genau deshalb kann ich es ja auch geniessen, weil es fuer mich voruebergehend ist, weil die schlechten Seiten des Lebens hier mich nicht wirklich betreffen, weil ich da im Grunde nur Zuschauer bin. Ich muss nicht wirklich mit Schmutz, der Sancha (ein Graben voll Abwasser, Dreck, Muell u.a., der an einigen Strassen entlangfuehrt und seinen wundervollen Geruch verbreitet), Armut, oft Vernachlaessigung und damit verbundener “verkorkster” Kindheit, Schulabbruch, stundenlangem Anstehen vor dem Arztbesuch und so vielen anderen Problemen leben. Das alles ist aber fuer die Menschen hier im Guasmo eben Realitaet, mit der sie sich arrangieren muessen.

Und genau darin liegt vielleicht auch die Berechtigung der Musikschule. Sie ist eine Flucht aus dem Alltag, aus den Problemen, wie ich glaube inzwischen nachvollziehen zu koennen. Dahin gehst du, wenn es dir schlecht geht, wenn dir langweilig ist, wenn du Stress hast mit der Familie oder einfach nur mal abschalten willst. Da kannst du deine Freunde treffen, mit ihnen auf dem Dach hocken und den Sonnenuntergang beobachten, oder eine Jamsession einlegen, oder einfach nur quatschen, rumalbern, rumhaengen und nichts tun… Und wenn die Musikschule schon fuer mich all das ist, dann denke ich eben in etwa zu verstehen, was sie fuer viele Eccis bedeutet. Kann ich natuerlich nicht sicher sagen, lebe ja schliesslich nicht mein ganzes Leben hier, sondern mache nur einen Abschnitt der Musikschulgeschichte mit, aber ich denke fuer mich: Die Musikschule ist einfach viel mehr als nur Musikschule, da geht’s um viel mehr als Musik und sie bedeutet fuer die meisten auch viel mehr als Musik. Auch wenn nicht immer alles rund laeuft, auch wenn oft alles ein grosses Chaos ist und organisatorisch nichts klappt, Schueler zu spaet kommen oder gar nicht, es Streit gibt zwischen verschiedenen Bands oder Leuten, und ich mir bisweilen vorkomme wie in einer Fernsehsoap: Die Musikschule ist einfach eine unglaubliche Sache, die den ganzen Stress wert ist!