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Ende gut, ALLES gut!

Jetzt habe ich mich schon lange nicht mehr gemeldet. Es war aber auch viel los in letzter Zeit, wobei ich kaum Zeit hatte einen Bericht zu schreiben. Deswegen gibt es diesmal einen etwas längeren Bericht.

Das darauffolgende Wochenende nach der Comida Ecualemana, von der ich in meinem letzten Bericht schrieb, sind wir mit einer großen Gruppe bestehend aus Mitgliedern von Clave de Sur und einem Ecuadorianer aus dem Projekt in Playas und mit allen Musikern ohne Grenzen, die sich im Moment in Ecuador befinden (außer die, die auf den Galapagosinseln sind), aufs Land zu einer Finca eines Freundes von Clave de Sur gefahren. Die Finca befindet sich ca. 3 Stunden von Guayaquil entfernt am Fuße der Anden. Da sich dieser Ort auf einer Höhe von ca. 800m befindet, ist es dort immer noch sehr warm, aber es regnet auch öfter, was eine sehr reichhaltige Vegetation der Pflanzenwelt begünstigt. Es scheint, als würde es dort nichts geben, was es nicht gibt. Es reicht von Café und Schokolade über alle möglichen exotischen Früchte bis zu blühenden bunten Blumen. Das hört sich an wie ein Paradies – ist es auch! Zumal es dort auch kühle Flüsse und heiße Quellen aus Vulkanen gibt, in denen man baden kann – Wellness mitten in der Natur! Aber genauso mussten wir feststellen, dass auch wir ein Paradies für die Mücken sind. Wir hatten alle sehr zerstochene Beine und Füße. Mir erscheint das nur gerecht, wenn wir uns da schon so breit machen ;)

Tagsüber sind wir zusammen baden oder ins Dorf Fußball spielen gegangen, den Rest des Tages haben wir auf der Finca verbracht und gechillt und uns mit frisch geernteten Orangen und Rohrzucker verwöhnt.

Die Abende verbrachten wir mit Karten spielen, Musik machen, Tanzen und Guanchaca trinken. Guanchaca ist ein selbstgebrannter Schnaps aus Rohrzucker aus derselben Gegend – also auch direkt aus der Natur ;) , sehr lecker! Für die Zubereitung des Essens haben wir uns in Kochgruppen aufgeteilt. So musste jeder mindestens einmal Frühstück oder Abendessen zubereiten oder alles nach dem Essen wieder aufräumen und sauber machen;) Am Ende der Reise vor der Abfahrt nach Guayaquil wurden diese Gruppen in Putzgruppen umgewandelt, damit alle Teile der Finca wieder so aussahen wie vor unserer Ankunft. Es war insgesamt eine gelungene und sehr schöne Reise!

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Nach dem erholsamen gemeinsamen Wochenende ging es wieder an die Arbeit, denn bald standen die Konzerte an. Die letzten Tage vor den Konzerten waren anstrengender als der Rest der Projektphase, denn wir mussten immer sehr früh aufstehen und hatten viel zu tun: Proben mit den Deutschen für das bevorstehende Lehrerkonzert, Reuniones, organisatorische Dinge, intensivierter Einzelunterricht, Proben mit allen zusammen…usw… Es war aber auch eine sehr schöne und effektive Zeit, wie sich später bei den Konzerten herausstellen sollte.

Am Ende der Projektphase standen nun also die drei vorgesehenen Abschlusskonzerte. Das erste Konzert fand im Zentrum von Guayaquil in der Alianza Francesa statt. Das zweite Konzert gaben wir direkt im Guasmo im freien im Park von „Stella Mari’s“. Und das dritte finale Konzert feierten wir im Centro Aleman, ebenfalls im Zentrum von Guayaquil. Alle drei Konzerte sind gut gelaufen und haben super viel Spaß gemacht. Wobei es sich von Konzert zu Konzert steigerte und immer besser und vor allem atmosphärisch schöner wurde, was dazu führte, dass nach dem dritten Konzert im Centro Aleman alle sehr sehr glücklich und zufrieden mit dem Geschafften waren und sogar die eine oder andere Träne floss, da es teilweise sehr rührend ist, zu sehen, wie viel die Arbeit in Clave de Sur in den letzten 7 Jahren gebracht hat.

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Alle drei Konzerte haben wir mit einem gemeinsamen Stück „Vivir mi Vida!“ von Marc Anthony abgeschlossen (ein Video davon ist auf der MoG-Facebookseite zu finden) und auf dem Konzert im Centro Aleman wurden einfach noch ein paar „Salsaklassiker“ hinterher gespielt und alle haben getanzt, was auch gleichzeitig einen würdigen Abschluss der Konzerte und der gesamten Projektphase bot.

Mit dem Abschluss der Konzerte hieß es aber gleichzeitig auch für mich persönlich, dass mir nur noch zwei Wochen bis zum Abflug bleiben. Die Zeit ist wirklich schnell vergangen, weil viel los war und viel passiert ist. Jetzt blicke ich zurück und kann sagen, dass ich mit meiner Zeit hier sehr zufrieden bin, weil ich geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe und meinen Zielen und mir treu geblieben bin. Darauf bin ich stolz! Auch aus diesem Grund fällt es mir diesmal leichter, als das letzte Mal, das alles hier zurückzulassen. Auch fällt es mir leichter, weil ich jetzt schon weiß, wie es mit mir weiter geht und ich sozusagen schon ein Jahr Zeit hatte, um mich an mein „neues deutsches Leben“ in der jetzt nicht mehr fremden Stadt zu gewöhnen. Letztes Mal, als ich wieder nach Deutschland kam stand ich im Nichts und wusste noch nicht, wo es hingeht. Der Titel „neues deutsches Leben“ steht aber nicht nur für die Veränderung von meiner Schulzeit zur Studienzeit sondern auch für die Zeit nach meinem mehrmonatigen Aufenthalt in Ecuador. Denn nach erstmaligem längeren Fernbleiben aus meiner Heimat fiel es mir schwer, dort wieder anzukommen.

Wenn man ein Jahr in einer anderen Kultur gelebt hat und dann wieder in die eigene Kultur kommt, fallen einem viele neue Dinge an der eigenen Kultur auf, die man vorher noch nie festgestellt hat. Man fängt an, die Dinge neu zu hinterfragen – das hat mich an manchen Stellen sehr zum Nachdenken gebracht. Denn „Kultur ist für uns wie das Wasser für einen Fisch – wir sind von ihr komplett umschlossen, merken es aber meist nicht. Wenn der Fisch in ein anderes Gewässer schwimmt, wird er Unterschiede feststellen und muss sich an die neue Umgebung anpassen. Kommt der Fisch dann nach einiger Zeit wieder in sein gewohntes Gewässer zurück, muss er sich dort mit dem neu Gelernten (über sich und über das andere Gewässer/die andere Kultur) wieder neu einleben und anpassen und merkt dann erst, in welchem Gewässer er eigentlich sein ganzes Leben lang schon geschwommen ist.“ Das hat dazu geführt, dass ich meine Heimat im letzten Jahr noch einmal anders kennen gelernt habe – aber an vielen Stellen auch lieben und schätzen gelernt habe.

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Wie ich aber auch schon in meinem ersten Bericht „Rückkehr in den Guasmo“ geschrieben habe, durfte ich feststellen, dass ich mit Ecuador auch so etwas wie eine Heimat gefunden habe. Ich habe jetzt insgesamt 13 Monate in Ecuador verbracht. 13 Monate sind nicht viel, um ein Land und seine Kultur ausreichend kennen zu lernen. Und es ist schon gar nicht ausreichend dafür, um beurteilen zu können, ob es wirklich meine Heimat werden könnte. Es fühlt sich vielleicht so an, weil ich hier Dinge habe, die Heimat ausmachen: Freunde, eine Familie, Menschen die ich liebe und Menschen die mich lieben, einen Alltag… Aber in Deutschland habe ich diese Dinge auch und noch vieles mehr und zwar viel intensiver, weil ich Deutschland besser kenne und man mich in Deutschland besser kennt. Es gibt viele Dinge, auf die ich mich in Deutschland freue, die ich in Ecuador nicht habe, aber es gibt auch viele Dinge, die ich hier zurücklassen muss, die ich in Deutschland nicht habe. Ich hatte hier eine gute und intensive Zeit mit wichtigen Erfahrungen und Erkenntnissen, die ich nur machen konnte, weil ich ein zweites mal nach Ecuador gekommen bin.

Auch wenn jetzt am „Ende” alles gut ist, bedeutet das noch lange nicht das Ende zwischen Ecuador und mir! ;)

Bis bald in Deutschland und dann irgendwann wieder bis bald in Ecuador!