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Abenteuerland

Ich komme für die Guayaquileñer mehr oder weniger überraschend am Dienstag an. Kein Wunder, ich konnte ja auch nicht anrufen. Trotzdem findet sich gleich jemand, der mich abholen kommt – mit dem Bus. Das ist auch noch einmal ein Abenteuer für sich. Riesige Schlangen vor den Bussen, die ihre Türen auf der anderen Seite haben und von Plattformen aus bestiegen werden. Regen tröpfelt gegen die Scheibe, während wir bewegungsunfähig im Feierabendverkehr Guayaquils stecken.
Nach geschätzten anderthalb Stunden und nur 25ct angekommen, mache ich einen kleinen Abstecher in die Musikschule und stelle sofort fest: ich habe eindeutig mehr Glück als in den anderen Projekten, hier ist wirklich was los. Deswegen lege auch ich am nächsten Tag direkt los und schaffe schon in den ersten beiden Tagen eine ganze Menge. Und verliebe mich in den Blick vom Dach der Musikschule.

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Am Freitag in der Reunión beschließen wir einen Fototermin für die Gruppenfotos. Außerdem brauche ich von jedem einen Informationsbogen. Am liebsten hätte ich ihn gleich ausfüllen lassen, aber einer der Koordinatoren sichert mir zu, sich darum zu kümmern und ihn auch am Montag einzusammeln. Na gut, ich will mal guten Willen beweisen und lasse mich auf den Deal ein, vielleicht habe ich die Eccis ja auch unterschätzt.
Abends ist fiesta bei mir in der Gastfamilie, mein Gastbruder hatte am Vormittag seine Entlassungsfeier aus der Schule. Viel Salsa, viel Alkohol, aber trotzdem ist die Party früher als befürchtet vorbei. Ich sage „als befürchtet“, weil ich spontan beschlossen habe, übers Wochenende noch einmal wegzufahren und am Samstagmorgen früh los möchte. Ich schlafe bei meinem Gastbruder im Bett, meins ist mit Partygästen besetzt.
Und dann klingelt auch schon der Wecker.

Es ist morgens um 9 und auf der Straße vor dem Haus wird schon das erste Kater-Bier geöffnet. Ich lasse mich zum Busterminal begleiten und steige in den Bus, um nach Cuenca, der erste Stop meines Kurztrips, zu kommen. Dort bin ich am frühen Abend. Von der Terrasse meines Hostels kann ich beinahe über die ganze Stadt schauen. Nicht schlecht. Ich bin müde von der Fahrt und gehe früh schlafen, um am nächsten Tag mein Touristenprogramm anzugehen.

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Am Sonntagmorgen nehme ich mir eine Auszeit von Ecuador und beginne den Tag mit einem echten Kaffee und der Zeitung im Café Austria. Dann Stadtrundfahrt, Kathedrale, Spaziergang durch die Altstadt. Leider sind viele Museen geschlossen und nachmittags regnet es. Trotzdem gefällt mir die Stadt sehr gut. Cuenca, „Becken“, ist in den Anden gelegen. Hier ist es im Vergleich zu Guayaquil herrlich kühl. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich freuen würde, in Ecuador meine Regenjacke anziehen zu dürfen.

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Am Montag geht es gleich früh weiter. Ich stehe um vier Uhr auf, um mich auf nach Baños zu machen. Vor mir liegen acht Stunden Fahrt, Zeit genug, um noch einmal zu schlafen. Ich wache irgendwann gegen neun Uhr morgens auf, möchte eigentlich noch weiterschlafen, schaue nach draußen, um die Uhrzeit einzuschätzen – und mein Blick bleibt an der wunderschönen Bergkulisse hängen, die vor dem Fenster vorbeizieht. Sonne, sattes Grün, kleine Dörfer und Wolken, die in den Tälern hängen. Atemberaubend schön. Ich beschließe, das Schlafen auf später zu verschieben und versuche, ein paar Fotos zu machen. Das mit dem Schlafen hat sich eh erledigt, im nächsten Moment geht laut Salsa im Bus an. Der Busfahrer hat entschieden, dass die Nacht vorbei ist. Die Landschaft, die im Laufe der nächsten Stunden an mir vorbeizieht, verändert sich stetig von fruchtbar-grün zu nadelwaldig und ich schaue die ganze Fahrt nur aus dem Fenster.

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Und dann komme ich am Nachmittag in Baños an, es ist wolkig und kühl. Ich beziehe mein Zimmer und gehe ich eine Agentur, um zu schauen, was ich heute und morgen so machen könnte. Banjos ist nämlich das Paradies für alle, die in Ecuador ein wenig Action suchen, es gibt alle möglichen Aktivitäten. I n Guayaquil wurde mir gesagt, ich solle Bungee springen gehen. „Nie im Leben“, habe ich geantwortet. Ich glaube, vor nichts habe ich mehr Angst.

Ich weiß nicht, was mich in diesem Moment reitet, aber ich erkundige mich, was es kosten würde und wann man theoretisch (theoretisch!) springen könnte. „20 Dollar und jetzt gleich, wenn du möchtest“, lautet die Antwort. Und dann sage ich einfach ja und 15 Minuten später stehe ich auf der Plattform und verfluche mich selbst. „Schau nicht nach unten“ klappt natürlich nicht. 120 Meter unter mir rauscht der Fluss. Unmöglich kann ich aufstehen und den kleinen Schritt zur Kante gehen. Aber dann mache ich es doch, und ab da ist alles ganz leicht. Kaum bin ich an der Kante, heißt es auch schon: 1 – 2 – 3 – spring! Und ich denke mir, was soll’s, und springe einfach. Bevor ich das realisiert habe, bin ich auch schon unten. Ich werde noch ein paar Mal auf und ab gefedert und denke jedes Mal: Gott sei Dank, das Seil ist nicht gerissen. Und: zum Glück saß die Ausrüstung richtig und kein Karabiner ist gebrochen. Und dann entspanne ich mich einfach und genieße es, noch ein paar Mal über den Fluss zu schwingen. Ich werde unten in Empfang genommen, laufe wieder nach oben und schüttle innerlich immer noch den Kopf über meinen Leichtsinn. Und bin ganz schön stolz.

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Später steige ich noch einen Berg hinauf, um zu einem Aussichtspunkt zu gelangen. Abends gehe ich in die heißen Thermen. Und die sind wirklich heiß, es ist nicht auszuhalten. Allen europäischen Urlaubern, die das Becken betreten, klappt die Kinnlade herunter. Die Omas und Opas aus Ecuador chillen wie selbstverständlich im Wasser. „Das ist gesund“. Kann ich nicht ganz glauben. Nach einer halben Stunde mehr oder weniger im Wasser mache ich mich wieder auf ins Hostel.

Am nächsten Morgen steht Rafting auf dem Programm. Aber damit habe ich nicht gerechnet. Ganz schön nervenaufreibend und auch nicht ganz ungefährlich. „Man teilt ein von 1 (Spazierfahrt) bis 6 (quasi unmöglich). Was wir heute machen ist 4-5“. Nach einer Stunde, vielen Stromschnellen, sehr viel Spaß, Kentern mit dem gesamten Boot an der gefährlichsten Stelle, einiger Zeit unter Wasser und auch einiges von selbigem in Magen sind wir alle glücklich, als wir es geschafft haben. Hinterher noch einen Schnaps („Gegen die Bakterien aus dem Flusswasser“) und angeregte Unterhaltungen über das gerade Erlebte.

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Meine Nachmittagsplanung muss ich auf Eis legen, das es regnet und sich die Tour nicht lohnen würde. So verbringe ich die vier Stunden bis zur Abfahrt des nächsten Busses nach Guayaquil in einem Café und – langweile mich. Ich wusste nicht einmal mehr, wie sich das anfühlt. Ich freue mich tatsächlich wieder aufs Studium, auch wenn ich weiß, dass ich mich nach zwei Wochen Uni genau hierher wieder zurückwünschen werde. In dieses Café, mit Regen, der aufs Dach trommelt, heißer Schokolade und absolut nichts zu tun.

Und dann sind meine vier Tage Kurztrip rum, und obwohl ich in jeder Stadt kaum mehr als einen Tag hatte, hat es sich zu hundert Prozent gelohnt. Ecuador hat viel mehr zu bieten, sowohl kulturell, an Aktivitäten und landschaftlich, als ich mir zu Beginn meiner Reise ausgemalt hatte. Und „einfach mal machen“ funktioniert hier ganz vorzüglich.

Zurück in Guayaquil wird mir jetzt klar, warum das Anfordern von Fotos und Infos aus Deutschland einfach nicht funktioniert. Man ist hier ein bisschen unzuverlässig.

Am Fototermin, der letzte Woche von allen beschlossen wurde, ist niemand da. Die Infos, die ich von jedem bekommen soll, haben zwei Tage nach dem „Abgabetermin“ genau zwei Leute abgegeben. Natürlich Deutsche… Immerhin habe ich meinen guten Willen und Vertrauen gezeigt und habe jetzt allen Grund, nächstes Mal direkt härter durchzugreifen ;-)
Es ist Projektphase, viele Schüler, viele Gruppen. Aber alle für ein Foto zusammen zu bekommen, ist verdammt schwierig. Die meisten Gruppen proben erst, wenn es schon dunkel ist – deshalb ja auch der Termin, aber das scheint noch nicht so recht durchgedrungen zu sein. Außerdem sind irgendwie nie alle da, schon gar nicht pünktlich. Langsam bezweifle ich, dass ich Fotos von allen Gruppen mit nach Hamburg werde bringen können. Und mit einem Blick auf das Datum wird mir bewusst: nur noch drei Tage in Ecuador!

Jetzt sitze ich im Gruppenraum, spontan schnappen sich zwei Eccis eine Gitarre und beginnen zu schmettern. Vielleicht sollte ich auch mehr auf ecuadorianische Lebensfreude als auf deutsche Genauigkeit setzen. Langweilig wird’s hier im Guasmo die letzten Tage auf jeden Fall nicht.