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Mückennebel

Es ist zehn Uhr morgens, ich stehe im Busterminal Guayaquils und habe noch nicht den leisesten Schimmer, wie ich ans Ziel meiner heutigen Reise kommen soll. Ich erreiche, vermutlich wegen des mangelnden Handyempfanges dort, niemanden – weder am Vortag, noch am Morgen, und auch sonst scheint niemand so recht Bescheid zu wissen, welche Busse ich nehmen muss. Zusätzlich braucht man auch immer die Busgesellschaft, da man sonst den betreffenden Schalter nicht findet. Nur das Ziel zu nennen bringt nirgends etwas. Außerdem kennt so gut wie niemand das Dorf, in das es für mich heute gehen wird. In das es gehen soll. Ich sehne mich geradezu nach einem Informationsschalter der Deutschen Bahn.
Nach Guayaquil bin ich heute Morgen erst einmal ins Blaue gefahren, getreu dem Motto „Wird schon irgendwie werden.“ Ich weiß nicht einmal, ob jemand Bescheid weiß, dass ich komme.

Am Ende wird dann auch alles. Ich erreiche eine MoG vor Ort, die zum Glück gerade mit einer Gastfamilie auf einem Ausflug ist und dort Empfang hat. Also geht’s nach einem kurzen Abstecher in den Supermarkt los. Eine komplizierte Beschreibung mit vielen unbekannten Orten hoffentlich im Gedächtnis. Da die Familie unterwegs ist, würde ich im Dorf ankommen, ohne empfangen zu werden.

Aber auch dieses Problem löst sich („Wird schon alles irgendwie werden“): Ich werde angerufen, als diese gerade in einem Ort sind, an dem der Bus vorbeikommt. Dort warten sie, Vater, Mutter, Sohn und die zwei MoGs, die gerade in Zhagal sind. Ich werde direkt mitgenommen zum Familienbesuch. Baby anschauen. Na gut.
Das Baby ist gar nicht mehr so klein und auch gar nicht soo süß, aber als ich nach und nach die Geschichte dazu höre, bleibt mir der Mund offen stehen.
In Kürze: Die Kleine ist das Kind der fünfzehnjährigen Tochter meiner Gastmutter (also doch nichts mit Vater, Mutter, Sohn) und des zwanzigjährigen Sohnes der Hausherrin. Beide sind gerade gemeinsam auf dem Weg, in Mexiko illegal die Grenze zu überqueren, um dann ein paar Jahre in den USA zu arbeiten. Das Baby haben sie hier gelassen.
Mexiko? Grenze? Ist das nicht da, wo ständig Menschen erschossen werden bei dem Versuch, genau diese Grenze illegal zu überqueren?
Auf die vorsichtige Nachfrage, ob das nicht gefährlich sei, antwortet man schulterzuckend „Ja, klar, aber so ist das nun einmal“ und das Thema ist erledigt.

Im Laufe der nächsten halben Stunde wird mir klar, warum die Dame das so locker nimmt: sie hat bereits 10 (!) Kinder in den Staaten und die ganzen Kinder, die im Haus herumlaufen, sind gar nicht ihre Kinder, sondern alles ihre Enkel. All ihre Kinder – bis auf den einen, der jetzt auf dem Weg dorthin ist – sind illegal in den USA und schicken Geld für ihre eigenen Kinder nach Hause. Ich habe das Gefühl, ich bin mitten in einer SPIEGEL TV-Reportage gelandet.
Bald darauf machen wir uns aus, mit einem Zwischenstopp in einer Art Bar. Dass ich mittags noch kein Bier möchte, versteht mein Gastvater nicht. Eine MoG versucht den Sinn von „Kein Bier vor Vier“ zu erklären und stößt auf Unverständnis.
Im Anschluss geht es nach Hause. Ich fahre das Auto, und man kann es kaum glauben, dass auch Frauen Auto fahren können, und das gar nicht mal so schlecht. Sachen ablegen, und danach im Fluss baden. Warum hier beim Baden alle ihre Kleidung anbehalten, muss ich glaube ich nicht verstehen. Auf dem Rückweg Wäsche Frauen Wäsche im Bach und ich lerne, dass der Kakao, den wir kennen, nur einen winzigen Teil der Frucht ausmacht und man das Drumherum lutschen kann wie Bonbons. Superlecker.

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Abends gibt es Reis und Fleisch vom Grill, dann komme ich aus Interesse mit in die Kirche.
Als ich ins Bett gehe, regnet es. Ich freue mich, eigentlich mag ich das. Aber der Regen trommelt in der Nacht so stark aufs Wellblechdach, dass ich kaum schlafen kann.

An dieser Stelle vielleicht ein paar Worte zum Haus: der Boden – wie immer – aus Beton. Nur die Vorderseite des Hauses ist angemalt. Die „Zimmer“ sind nur durch Wände unterteilt, aber nach oben zum Dach offen. Die MoG hat ihr eigenes, und auch für mich wird eines vorbereitet. Türen gibt es nicht, stattdessen Duschvorhänge – auch zum Badezimmer. Privatsphäre scheint hier in Ecuador generell ein Fremdwort zu sein.

Am nächsten Tag geht es vormittags mit der Familie und beiden MoGs auf einen Kindergeburtstag. „Geht“ trifft es genau richtig, Mir wurde nämlich nicht gesagt, dass ein einstündiger Fußmarsch vor uns liegt, inklusive Flussüberquerung über Baumstämme und Bambusstängel.
Irgendwann haben wir Glück, werden mit dem Auto mitgenommen (Es passen unglaublich viele Menschen in einen PKW). Vor Ort sind wir die ersten Gäste, setzen uns erst einmal auf Plastikstühle und warten. Das Huhn, was später gegessen werden soll, wird gefangen. Mal wieder laufen unglaublich viele Kinder herum, und man weiß nicht, zu wem von den Kindern oder Erwachsenen nun das Baby gehört, das heute ein Jahr alt wird.
Nach dem Essen (dass ich nicht aufgegessen habe, wird wie immer nicht gern gesehen) ein kleiner Streifzug mit einem Sohn meiner Gastmutter (ich blicke nicht mehr durch) über seinen Campo. Ich probiere viele Früchte, deren Namen ich vorher nicht einmal kannte, und bin nun noch voller als vorher. Dann gibt es noch Torte. Ich bin froh, als ich ein Stück schaffe, und bekomme direkt noch eines auf meinen Teller geladen.

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Da wir, wie ich nun erfahre, gleich verabredet sind, werden wir mit dem Motorrad zurück zum Fluss gefahren, von wo wir weiterlaufen sollen. Erst zwei von uns, dann die nächsten beiden. Zu dritt, auf einem Motorrad, ohne Helm. Typisch Ecuador. Es beginnt zu regnen, warmer Sommerregen. Ich bin ehrlich traurig, als die Fahrt zu Ende ist.
Am Fluss baden viele, es ist Sonntag, alle haben frei. Wir überqueren wieder den Fluss, und laufen nach Hause. Wieder im Dort angekommen, machen wir uns direkt (diesmal mit dem Auto) auf den Weg zu den heißen Quellen, die es hier gibt. Ich bin gespannt. Die Gasteltern kommen nicht mit – man muss einen Dollar Eintritt zahlen, und das können sie sich wie es scheint nicht leisten. Ich schlucke mal wieder. Das ist für mich unvorstellbar.
Die heißen Quellen sind heißer, als ich erwartet hätte. Alles dampft und es regnet. Was schade ist: die Becken sind zum Teil in Beton eingefasst, sodass man nicht das Gefühl hat, mitten in der Natur zu sein. Außerdem haben einige Leute Seife dabei und waschen sich in diesen riesigen Badewannen…

Wieder zuhause angekommen duschen wir im Dunkeln (der Strom ist mal wieder ausgefallen), im Anschluss werden wir mal wieder gemästet („Ihr seid schon satt? Das war erst die Vorspeise…!“) und wir setzen uns vor den Fernseher.
Ein weiterer Sohn kommt zur Tür herein. 18 Jahre alt, verheiratet und werdender Vater. Verhütung scheint hier das zweite große Fremdwort zu sein. Große Augen, als wir auf die Frage, wann man in Deutschland heiratet, mit „Manchmal erst mit dreißig, manchmal auch später“ antworten. Erst mal Geld verdienen, ein Haus bauen, Karriere machen gibt es hier nicht. Aber hier lässt man das Kind ja sonst im Zweifel einfach bei den Eltern.

Der nächste Tag ist ein Montag, also öffnet die Musikschule am Nachmittag. Der Morgen: Ausschlafen, in der Hängematte herumliegen… Bis um drei. Dann auf an die Arbeit. Erst sieht es so aus, als würden keine Schüler kommen, aber dann nach und nach tröpfeln einige an. Die beiden MoGs sind erst seit einer Woche (wieder) da und es scheint noch nicht so richtig angelaufen zu sein. Außerdem gibt es ein neues Instrument, die Trompete, die es den Kindern und Jugendlichen jetzt nahzubringen gilt. Als der Nachmittag zu Ende geht, haben einige Unterricht genommen, aber so richtig zufrieden fühle ich mich nicht.

Abends – nach einem erneuten Stromausfall – öffnet die Musikschule dann noch für die Jugendlichen und Erwachsenen, die den ganzen Tag über – meist draußen auf den Feldern – arbeiten. Auch hier kommt zunächst kaum jemand, dann nach und nach aber doch einige Interessierte und auch Motivierte für verschiedene Instrumente. Trotzdem schade, dass den Musikern bei dem tollen Angebot nicht die Türen eingerannt werden.

Abends um halb elf dann noch eine große Portion Reis mit Fisch und dann ab ins Bett kugeln.

Der nächste Tag läuft ähnlich ab. Es kommen besonders abends in die Musikschule dann doch einige Schüler, es gibt eine kleine Chorstunde und danach viel Gitarren-, Trompeten- und am Ende auch noch Klavierunterricht. Einige der Männer sind mit Sicherheit nur da, weil die hübschen jungen Deutschen unterrichten, aber der Abend macht trotzdem viel Spaß.

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Und dann ist auch schon Mittwoch und ich muss mich langsam wieder auf den Weg nach Guayaquil machen. Zum Frühstück gibt es Reis mit Fleisch und Kartoffeln. Ich packe meinen Rucksack und habe im Gepäck: ca. 500 Fotos, einige Momente des Kopfschüttelns, mehr als 100 Mückenstiche an jedem Bein, viele neue Geschmacks- und Geruchserlebnisse und mal wieder die Erkenntnis, wie gut es uns in Deutschland geht.