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Playas & Leben

Ich merke schnell, dass ich in Playas weniger als die Hälfte der Zeit habe, die ich auf Galapagos hatte.
Leider sind teilweise Ferien, und da noch dazu Karneval ist, ist in der Musikschule kaum etwas los. Außerdem sind zwei MoGs gerade auf Reisen, dadurch ist unter anderem die Band nicht vollständig und ich weiß schon früh, dass ich Probleme damit haben werde, alle Infos und Fotos zusammenzubekommen.

Die ersten beiden Vormittage verbringe ich in der Familie, da noch kaum Unterricht ansteht. Ich schreibe ein bisschen, sortiere die paar Fotos, die ich schon gemacht habe, spiele mit den Kindern. Am Donnerstagvormittag mache ich mit zwei MoGs einen Ausflug, um Delfine zu sehen, aber bei meinem Glück in Sachen Ausflüge kann man sich denken, wie er endet.

Die Nachmittage verbringe ich ab drei Uhr in der Musikschule. Ich mache Fotos, einige Interviews und versuche so viel wie möglich von den anderen Informationen zusammen zu bekommen. Manchmal heißt es aber auch einfach nur: warten. Viele Schüler kommen ohne Abmeldung einfach nicht, das ist schade. Normalerweise, so wurde mir gesagt, sei der Hof des Gebäudes erfüllt von Musik. Da heißt es: an meinen ersten Eintrag denken und das Beste draus machen.

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Mein neues Lieblingsfortbewegungsmittel ist seit Playas das Trisimoto, ein für den Transport umgebautes Motorrad, das einen für 50ct durch die Gegend schaukelt. Zwar nicht so komfortabel wie ein Taxi, aber ich liebe es und möchte mich am liebsten nie wieder anders Fortbewegen. Täglich summieren sich so einige Dollar.
Inzwischen finde ich sogar mein Haus ohne Probleme. Straßen? Hausnummern? Fehlanzeige. Das Viertel kann man ansagen, aber dann muss man auch schon beschreiben.

Ich habe mir Playas irgendwie noch touristischer vorgestellt, aber wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass die Touristen alle Eccis sind und ich sie daher gar nicht als solche identifizieren kann. Nur der Strand ist voll und kann auch in Sachen Sauberkeit dem Vergleich mit Galapagos nicht im Mindesten standhalten.

Eine Sache, die mich ein wenig geschockt hat: als der vierjährige Sohn zuhause beim Essen mault, sagt desse Mutter nur zum großen Bruder: „Trägst du noch deinen Gürtel aus der Schule?“. Dieser nimmt ihn ab und die Mutter hängt ihn sich wortlos um den Hals. Sofort ist Stille. Geschlagen wird in meiner Gegenwart zum Glück niemand, ich weiß nicht, wie ich da reagiert hätte.

Zurück zur Arbeit der MoGs:
Freitags probt immer der Seniorenchor. Als wir vormittags zur Probe kommen, ist niemand da, außer den MoGs. Der Plan für die Senioren wurde geändert, aber niemand hielt es für wichtig, den Deutschen Bescheid zu geben.
„Willkommen in Ecuador“ murmelt eine MoG neben mir auf der Bank.
Ob ich mich an diese Mentalität jemals gewöhnen könnte, weiß ich nicht.

Nachmittags gibt es ein kleines Konzert vor dem Rathaus anlässlich des Tages der Frau. Um drei ist der Auftritt der MoGs mit zwei Ecuadorianern, um zwei soll noch einmal geprobt werden.
Als ich um halb drei in der Musikschule ankomme, liegen die Nerven schon ein wenig blank. Noch keine Eccis in Sicht, dabei soll einer von beiden doch sogar singen. Ein MoG, der zu Besuch aus dem Guasmo gekommen ist, soll einspringen.
EInige Minuten später trudelt der erste Ecci ein, der zweite um fünf vor drei, also ganze fünf Minuten vor dem eigentlichen Auftritt auf dem Marktplatz. „Sorry, war noch unterwegs“. Aha, denke ich, aber die anderen scheinen bloß froh, dass sie jetzt vollständig sind. Noch schnell geprobt und dann gegen halb vier mit der ganzen Ausstattung im Taxi zum Marktplatz. Nicht, dass man da schon warten würde. Es dauert noch ca. eine Stunde, bis sie spielen können, aber dann läuft alles gut. Der MoG-Besuch spielt trotz Vollständigkeit ganz lässig spontan mit. Profis halt ;-)

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Der Seniorenchor sitzt übrigens in der ersten Reihe und klatscht begeistert.
Ich bin zudem noch begeistert von der kreativen Dekoration:

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Später bringen einige von uns die Instrumente zurück in die Musikschule, während andere noch auf einen weiteren Auftritt zusammen mit einer anderen Gruppe warten müssen. Zwei Ecuadorianer sitzen im Bandraum und trommeln. Eigentlich war geplant, heute Abend auf einen Berg zu steigen, aber es sind ja nicht alle da, und angesichts der Uhrzeit wird das wohl nichts mehr. Ja, es sei wirklich schon sehr spät, sagt einer der Ecuadorianer, man würde tatsächlich jetzt direkt mit einem Taxi losfahren müssen.

„Na dann, los“, sagt unser Guasmo-Gast. Wie, einfach los? Es ist immerhin für ihn und mich schon der letzte Abend in Playas. Wir zögern kurz, aber dann machen wir es einfach, fahren zu dritt mit dem Ecci mit dem Taxi dorthin, obwohl die Sonne schon am Untergehen ist, total unvorbereitet, und besteigen den kleinen Berg. Mit Flipflops die steilen Felsklippen hochhangeln. Hier gibt es keine Treppen, Seile oder ähnliches. Kurz sinkt mir das Herz in die Hose, aber schon der erste Ausblick entschädigt. Wir steigen bis ganz nach oben, und es ist einfach atemberaubend. Wunderschön. Der kleine Berg ist gar nicht so klein. Die Landschaft um uns herum ist flach, in der Ferne sieht man das Meer, über dem die Sonne gerade untergeht, und die Stadt, in der die Lichter langsam angehen. Es ist unbeschreiblich. Ein neuer Ort in meiner Liste der vielleicht schönsten Orte auf der Welt. Uns bleiben nur einige Minuten oben, ein paar Fotos, auf denen natürlich wieder nichts von dem, was wir sehen, zur Geltung kommt, ein paar Minuten andächtiges Schweigen, denn wir müssen wieder herabklettern, bevor es kein Licht mehr gibt. Hinunterzuklettern ist noch schwieriger als hinauf, trotzdem halte ich noch ein paar Mal auf einem Vorsprung an, um ein Foto zu machen. Die Stadt in der Ferne verwandelt sich in ein Lichtermeer, der Horizont ist tiefrot.

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Unten angekommen bin ich immer noch sprachlos. Wir laufen im Halbdunkel zurück zur Straße, am Wegesrand sehe ich zum ersten Mal Glühwürmchen herumschwirren. An der Straße ein Auto anhalten, auf dem Rückweg von der Ladefläche eines Pickups aus den Sternenhimmel anschauen. So fühlt sich also Leben an.