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Familie, Müllkippe und Goethe: Ghanaisches Kontrastprogramm

Es wird höchste Zeit für den nächsten Blogeintrag, und es ist wieder unglaublich viel passiert. Jan und ich haben beide im April Besuch von unseren Familien bekommen, Jan nur von seinen Eltern, bei mir war es inklusive Geschwister. Wir haben beide echt eine sehr schöne Zeit mit der Familie verbracht, sind beide nochmal an unsere Lieblingsorte am Strand gereist, haben ihnen unseren Schulalltag gezeigt und sie einfach generell so gut wie möglich an den Besonderheiten, Menschen und der Stimmung Ghanas teilhaben lassen. Das Zusammensein war auch überraschend schnell normal, haben wir festgestellt, und es war doch wirklich schön zu sehen, wie nah einem Familie doch immer bleibt, egal wie lange man sie nicht gesehen hat.

Nachdem unsere Familien den Rückflug angetreten hatten (meine eine Woche später als Jans, wir haben nur einmal kurz eine große Darmstadt-Versammlung in Ghana machen können), fingen bei uns eigentlich direkt wieder Ferien an, aber weil Ebo uns (mal wieder extrem spontan) eröffnete, dass wir in naher Zukunft zwei Deutsch-“Programs“ hätten und wir auch gerne mit dem Orchester vorankommen wollten, entschieden wir uns dafür, die Woche Ferien durchzuarbeiten, und das lohnte sich wirklich, weniger fürs Deutsch (da irgendwie die Kinder, die dafür vorgesehen waren, nie da waren), dafür umso mehr fürs Orchester! Und da die Mädchen eine kurze Reise ins Nachbarland Togo unternahmen, genossen wir ein paar reine „Jungs-Tage“.

Doch eine „Unternehmung“ muss man noch erwähnen, die direkt vor der Togo-Tour stattfand: wir hatten schon lange nach einer Gelegenheit gesucht, die Agbogbloshie-Müllkippe, direkt in Accra befindlich, zu sehen, denn sie ist die größte Elektroschrott-Abfallhalde der Welt, dorthin wird ein Großteil der verbrauchten europäischen Fernseher, Toaster, Mikrowellen usw. abgeschoben. Dass diese Praxis nach EU-Recht verboten ist, scheint niemanden zu kümmern, solange andere die unfassbare Umweltbelastung auf sich nehmen: auf der Müllhalde werden die Elektrogeräte auseinandergenommen, meistens durch Aufschmelzen in schwelenden Feuern, um die Edelmetalle und seltenen Erden auszuschlachten und so den Menschen dort ein winziges Einkommen zu bescheren. Doch das hat verheerende Folgen für Umwelt und Menschen: die offenen, unkontrollierten Feuer setzen hochgiftige Gase frei, die direkt in die Lungen der dort arbeitenden Leute gelangen. Genauso ungefiltert gelangen die wirklich allerschlimmst giftigen Überreste des Elektroschrotts in die Korle-Lagune, die wiederum direkt mit dem Meer verbunden ist. Der Ort gilt als einer der verseuchtesten Plätze der ganzen Welt, man kann sich dort angeblich nicht länger als zwei Stunden aufhalten, ohne dauerhafte gesundheitliche Schäden davonzutragen. Da fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie es um die Gesundheit der dort arbeitenden Ghanaer bestellt ist, die ihr ganzes Leben dort fristen. Diesen Platz wollten wir unbedingt mit eigenen Augen sehen, um wirklich die wahren Ausmaße unseres westlichen Überflusses zu erkennen. Und ich muss sagen, dass ich noch nie zuvor einen so trostlosen und erschreckenden Platz gesehen habe. Berge von Schrott, Dreck und Abfall, Menschen, die darin auf dem Boden nach winzigen Teilen suchen, dazu die Feuer, die brennen, deren beißender Qualm in den Lungen brennt und einen schon nach wenigen Sekunden die drohenden Krankheiten schmecken lässt, und in all dem die spielenden Kinder, die dort so selbstverständlich aufwachsen und wohl ihr ganzes Leben dort verbringen werden.

Ich konnte nicht glauben, dass es so einen Ort wirklich gibt und wir alle unseren Anteil daran haben, und das Erlebnis hat mich unglaublich in meinem Wunsch bestärkt, dem Land in welcher Form auch immer zu helfen.

Nachdem wir die Müllkippe wieder verlassen hatten (wir wollten und konnten es dort nicht lange aushalten), liefen wir noch durch das angrenzende Slum-Viertel, das angeblich das gefährlichste in ganz Ghana ist und den Namen „Sodom und Gomorrha“ trägt, allerdings waren selbst hier die Menschen freundlich, offen und herzlich wie überall. (Laut Toni hatten wir auch die richtig gefährlichen Ecken nicht betreten, allerdings sah das Viertel in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich aus wie Nima).

Alles in allem war dieser Rundgang ein durchaus erschreckendes, aber Augen öffnendes Erlebnis, das uns durchaus nochmal gezeigt hat, dass wir eben doch die meiste Zeit nicht die harten, sondern eher die normalen bis schönen Seiten Ghanas erlebt hatten.

Nun aber wieder zu den eher in positiverem Sinne berichtenswerten Dingen: da ja unsere Abschlusskonzerte am 2.-3.8. immer näher rücken, sind wir mittlerweile schwer am proben: das Programm soll, wie berichtet, aus dem „Gloria“ von Vivaldi (ein schönes, aber sehr schweres Werk für Orchester, Chor und Solisten) und einem gemischten zweiten Teil mit ghanaischen Stücken und einem afrikanisch klingenden „Adiemus“ von Carl Jenkins (ebenfalls Chor und Orchester) bestehen. Da dieses Programm offen gesagt sehr ambitioniert ist, sind wir mittlerweile fast nur noch auf die Musikarbeit konzentriert und arbeiten jetzt meistens auch an den Wochenenden, was wir wohl bis auf wenige Ausnahmen bis zum Ende durchziehen wollen und auch müssen.

Naja, an der Haltung kann man allein schon arbeiten, Richmond!

Naja, an der Haltung kann man allein schon arbeiten, Richmond!

Doch trotz der wirklich schweren Aufgabe sind wir aus mehreren Gründen optimistisch: die Kinder verbessern sich mehr und mehr auf den Instrumenten, wachsen an den Stücken und lernen daher auch die Stücke schneller, dazu haben wir mit George (für Bratsche und Geige), Richard (Cello) und neuerdings auch Sammy (ein ehemaliger Musiklehrer der Nima-Schule, der in Kumasi seinen Zivildienst leistet, aber am Wochenende mit den Nima-Kinder Chorarbeit machen wird) wirklich gute Unterstützung für Nima, außerdem ist der Tema Youth Choir, der zusammen mit unseren Kindern singen wird, wirklich ausgesprochen gut, und zu guter Letzt macht die Arbeit gerade jetzt, wo wir uns fast nur noch auf die Musik und das schöne Endprojekt konzenterien, einfach unglaublich viel Spaß, gerade auch deshalb, weil nicht zu übersehen ist, wie sehr es die Kinder gleichfalls gepackt hat. Wir geben nun auch an der Montessori-Schule nach Einbeziehung der Eltern vermehrt Instrumente zum Üben nach Hause, was bisher ausschließlich reibungslos funktioniert hat, in Nima haben wir die Arbeit mit der Library vertieft und proben nun auch oft Samstags dort.

Abgesehen von unserem Projekt breitet sich bei uns vier WG-lern nun auch langsam eine gewisse „Endzeit-Stimmung“ aus: mehr und mehr wird uns klar, wie wenig Zeit uns in Ghana noch verbleibt, und auch wenn wir uns noch keine Panik deswegen machen, sind es teils jetzt schon wehmütige Gedanken, die sich einschleichen. Eine besonders emotionale Situation hatte sich ergeben, als ich im Musikunterricht mit der 3. Klasse schon einmal ein Abschiedslied (Irische Segenswünsche) kurz vorstellen wollte, das wir am Ende gerne mit den Kindern singen wollen, brach nach und nach fast die gesamte Klasse in Tränen aus, als ihnen klar wurde, dass wir Anfang August die Zelte hier abbrechen würden. Da wurde uns noch einmal besonders deutlich, wie sehr die Kinder und wir uns gegenseitig ans Herz gewachsen sind, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch, wenn es wirklich zum Abschied kommt, eine ganze Sintflut an Tränen vergießen werde…

So nun zu einem etwas schönerem Thema. Wie schon erwähnt, sind die Ghanaer wirklich spontan, aber manchmal übertreffen sie sich doch selber. Nach einer Woche, in der wir viel geprobt, stattliche Mengen an Kenkey verdrückt und jeden Tag mit einer Mahler Sinfonie begonnen hatten, rief uns Ebo am Freitag um 10 Uhr abends in die Schule. Das ist für ghanaische Verhältnisse extrem spät. Da der Tag hier eher gegen 5 Uhr beginnt gehen die Leute auch ziemlich früh ins Bett. Wir versuchen das auch, es klappt aber leider doch nie. Na egal. Wir waren doch sehr verwundert und gespannt, was Ebo uns so wichtiges noch mitteilen wollten. In der Schule angekommen wurde uns eröffnet, dass genau in einer Woche im Goethe Institut das nationale „German Festival“ mit dem Thema „Kennen Sie Goethe?“ stattfinden würde.

Dort kommen jährlich etwa 500 Schüler aus ganz Ghana zusammen, es wird gespielt, gut gegessen und deutsch geredet. Nach dem Essen der eigentliche Höhepunkt ist aber ein Deutschwettbewerb, auf den wir die Kinder vorbereiten sollten. Als wir uns die Aufgabenstellungen durchgelesen hatten mussten wir uns allerdings erstmal angrinsen, so unmöglich erschien es uns im ersten Moment. (Ein Vorschlag für die Fortgeschrittenen war zum Beispiel eine Kurzfassung vom Faust auf die Bühne zu bringen.) Unsere Kinder schlagen sich für acht Monate Deutschunterricht zwar nicht schlecht… aber trotzdem werden die Zahlen 55 immer noch mit „fufu und fufu“, und 66 mit „sex und sexty“ übersetzt (gab im Exam einen Kreativitätsbonus).

Lange Rede kurzer Sinn: wir haben die Vorschläge für die Fortgeschrittenen sofort beiseite gelegt und uns den Anfängern gewidmet. Zwei Möglichkeiten standen uns zur Auswahl: 1. Den Zauberlehrling aufzuführen, 2. einen sehr weisen Spruch von Goethe szenisch umzusetzen („Die kleinen Gefälligkeiten der Freundschaft sind tausendmal werter als jene blendenden Geschenke, wodurch uns die Eitelkeit des Gebers erniedrigt“).

1 war uns zu schwierig, deswegen haben wir schlau kombiniert und uns für den zweiten Vorschlag entschieden. An sich fanden wir die Wahlmöglichkeiten super, die Zeit allerdings doch etwas zu knapp. (Wegen eines Fehlers war die Mail mit ghanaischen zwei Monaten Verspätung bei Ebo eingetroffen). Da es schon spät war entließ uns Ebo mit der Anweisung hart zu arbeiten und die Ehre der Schule zu retten. Wir fielen aber erstmal in unsere Betten. Da uns bis Sonntag keine springende Idee gekommen war, lief es wieder mal auf eine Nacht und Nebel Aktion hinaus. Bei einem guten ghanaischen Bier machten wir uns ans Reimen. Nach drei Stunden, zwei Lachkrämpfen und zwei A4 Seiten voll mit Schwachsinnsreimen hatten wir das Drama fertig.

Die nächste Woche ist dann jeglicher Unterricht für die beteiligten Kinder ausgefallen, sodass wir super proben konnten. Bis Mittwoch konnte man zwar nur schwer erkennen, dass das Drama in Deutsch war, aber die Proben waren sehr witzig. Da uns Lisa und Miriam echt viel geholfen haben, konnte man das ganze auch schon am Donnerstag vor der Schule aufführen.

Der Freitag war dann ein echt schöner Tag. Frühmorgens sind wir mit einem gemieteten Trotro ins Goethe Institut gefahren. Jedes Kind und alle Lehrer bekamen ein schickes T- Shirt.

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Unser gesamtes German-Drama-Team, inklusive Ebo (links) und Robert, dem Leiter des Goethe-Instituts (mitte)

Alle, wir warscheinlich mehr als die Kinder, waren total aufgeregt, die Aufführung lief aber glatt und die Kinder haben den zweiten Preis in der Kategorie Beginners gemacht. Der erste Preis ging hoch verdient an unsere Freundin Camilla aus Ho. Alle sind total ausgeflippt und der restliche Tag war echt schön: super leckeres Essen und Trinken, ein Quiz in der Bibliothek, ein Tanzwettbewerb und ein Überraschungsauftritt von dem Berliner Rapper Amewu. Nachdem das Programm um 3 Uhr zu Ende war, wurde noch eine Stunde getanzt und mit dem Trotro (natürlich wieder um zwei Stunden verspätet) ging es dann nach Hause. Alle waren total zufrieden und auch wir vier waren erleichtert.

So, wir hoffen, dass ihr jetzt nicht als armer Tor und so klug als wie zuvor dasteht, sondern mal wieder einen etwas genaueren Einblick und Eindruck unseres ghanaischen Lebens und Projekts bekommen habt :)

Eure Dichterlegenden Jan und Joel

Nein, wir sind nicht zur Boko Haram übergetreten, sonder haben ein muslimisches Namensgebungsfest besucht ;)

Nein, wir sind nicht zur Boko Haram übergetreten, sonder haben ein muslimisches Namensgebungsfest besucht ;)