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Alltag im Guasmo 1.0

Blick von unserer Haustür aus. Ca. fünf Minuten laufe ich in dieser Richtung zur Musikschule

Blick von unserer Haustür aus. Ca. fünf Minuten laufe ich in dieser Richtung zur Musikschule

Hallo Zusammen!

Nach der aufregenden letzten Woche mit der Reise nach Quito und der Feier in der Musikschule, ging es diese Woche mal wieder etwas beschaulicher zu. Das will ich dazu nutzen, mal meinen Alltag und das für mich hier schon „normal“ gewordene Leben zu beschreiben, was vielleicht in den letzten Einträgen zu kurz gekommen ist.

Mein Stundenplan ist mittlerweile fast voll und ich bin von Montag bis Freitag mit Schülern ziemlich ausgelastet. Das hat für mich zwei Seiten: Einerseits leidet manchmal meine Kreativität und mein Aufnahmevermögen darunter, wenn ich abends um acht nach fünf Stunden Unterricht den sechsten und letzten Schüler habe. Andererseits hat es aber auch was, nach solch einem Tag mit dem Gefühl ins Bett zu fallen, dass man wirklich etwas geleistet hat und produktiv war. Es kommt nämlich auch vor, dass mal gar kein Schüler zu seinem Unterricht kommt und dann wird einem zuweilen auch mal etwas langweilig. Nein, da ist es schon besser, wenn ich in meinen fünf Monaten (mittlerweile nur noch vier… :-( ) alles dafür gebe, die Musikschule voranzubringen und den Schülern mein Wissen zu vermitteln.

Irgendwie unterrichte ich vor allem Schlagzeug, wo ich den Schülern eigentlich nur die Basics beibringen kann. Aber hier gibt es selten Freiwillige, die überhaupt Schlagzeug unterrichten und wenn dann mal einer da ist, wollen eben viele Schüler „Clase de Batería“ haben. Aber ich habe auch Klavierschüler und eine gewisse Vielfalt und Abwechslung lässt so manchen Unterrichtstag natürlich auch schneller vergehen. Nächste Woche gibt es ein Schülerkonzert und das ist natürlich eine super Motivation für die Schüler und mich, gute Stücke auszuwählen und uns darauf vorzubereiten. So viel zum Unterricht und meinem Tun in der Musikschule!

Hier gibt es ein Video zum zehnjährigen Bestehen der Musikschule, da kriegt man einen ganz guten Eindruck, was dort so alles passiert und wie sich die Schule verändert hat. (auf Spanisch)

Kommen wir doch mal zu einem anderen sehr wichtigen, unbedingt erwähnenswerten Thema: Essen! Grundsätzlich muss ich sagen, dass mir die Essgewohnheiten hier ziemlich zusagen und ich gedacht hätte, dass ich damit mehr Probleme hätte. Zwei mal am Tag wird warm gekocht und es gibt zu jedem Gericht Reis, was den Vorteil hat, dass man eigentlich immer gut satt wird. Manchmal fehlt mir zwar nach dem Essen noch eine leckere Ritter-Sport „Ganze Nuss“ oder etwas anderes Süßes, aber man kann ja auch nicht immer alles haben… Zu dem Reis gibt es ziemlich vielseitige Speisen, unter anderem Hähnchen, Chorizo (Wurst), an Festtagen Rind, Linsen, Salat, Kochbananen, Nudeln, Kartoffeln, Suppe und nicht zu vergessen: Reis mit Reis!

In den Straßen werden super leckere, meist frittierte Gerichte angeboten und ich versuche immer noch, mir die Namen der verschiedenen Essen zu merken. Auf dem Weg zur Musikschule komme ich unglücklicherweise immer an einer Tienda vorbei, wo man für gerade mal 40 Centavos „Chifles“ kaufen kann, das sind frittierte Kochbananen in Chipsform. Ich glaube, in meinem zweiten Leben werde ich Chifles-Händler und importiere sie nach Deutschland!

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Hmmmm, lecker: selbstgemachte Chifles…

A propos Bananen: Es gibt hier nicht nur die eine „deutsche“, sondern gleich drei Arten von Bananen. Neben den uns bekannten „Guineos“ gibt es zwei Arten von Kochbananen, nämlich die süßen „Maduros“ und die „Verdes“, die geschmacklich ein wenig an Kartoffeln erinnern. Um die Verwirrung zu maximieren, heißt die klassische Banane auf Spanisch eigentlich „plátano“, was (nur) hier in Ecuador aber die Bezeichnung für Kochbananen ist. Langer Rede, kurzer Sinn: Als ich mir zum ersten Mal in der Mittagspause eine stinknormale Bananen kaufen wollte, musste ich mich erst mal einem Grundkurs in „Ecuadorianischer Bananalogie“ stellen…

Als letztes möchte ich noch ein paar Worte über mein Leben in der Gastfamilie verlieren und das, was so passiert wenn ich mal nicht in der Musikschule oder auf Reisen bin. Das Haus, in dem ich wohne, kann vielleicht am besten als „Mehrgenerationen-WG“ beschrieben werden. Dass hier um die zwölf Omas, Tanten, Onkels, Mütter, Schwestern, Hunde und wer oder was weiß ich noch alles wohnen, hat für mich zur Folge, dass ich auch nach einem Monat noch nicht alle Bewohner und Namen kenne. Morgens klingeln gefühlt im Stundentakt die Wecker der Arbeitenden und Schüler, was meistens durch ein freudiges Gebell der drei Hunde kommentiert wird und mir, gerade am Anfang, ziemlich den Schlaf geraubt hat.

Die Ecuadorianer meistern das Zusammenleben auf (in deutschen Verhältnissen) engem Raum aber ziemlich gut und Konflikte werden meist erst gar nicht offen ausgefochten, sondern bleiben auf einer anderen, für mich unsichtbaren Ebene. Ich habe mich schon nach einem Monat an das ständige Großfamilienleben gewöhnt und frage mich gerade eher, wofür wir in Deutschland mit drei Bewohnern ein so „riesiges“ Haus mit zahlreichen Zimmern benötigen. Ich bin jedenfalls sehr froh, mal diese andere Erfahrung zu machen und zu sehen, dass es auch mit etwas weniger sehr gut geht. Was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht darauf freuen würde, in Deutschland auch mal eine Tür hinter mir zumachen zu können und etwas mehr Privatsphäre zu haben. Die kommt nämlich hier manchmal etwas zu kurz…

So viel zu meinem kleinen Einblick in den Alltag, man könnte noch viel mehr erzählen aber das spare ich mir lieber für weitere „karge“ Wochen auf, in denen nicht so viel passiert… Ihr könnt euch also schon auf „Alltag im Guasmo 2.0“ freuen!

Ganz liebe Grüße und bis zum nächsten Mal!

Nicklas