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Alles ist relativ!

Hallo Zusammen!

Mal wieder finde ich Zeit für einen kleinen Rückblick der vergangenen Tage hier in Ecuador. Und da ist tatsächlich schon wieder ganz schön viel passiert seit dem letzten Eintrag. Dabei vergeht die Zeit gerade so schnell, dass es mir nicht wie zwei Wochen vorkommt – Stichwort Relativität! Der Besuch meiner Familie (s. letzter Eintrag) markierte für mich immer ungefähr die Mitte meines Aufenthaltes und jetzt wo die beiden seit zwei Wochen weg sind, kommt meine Abreise am 20. Dezember unausweichlich und in großen Schritten immer näher. Wenn ich mich zurückerinnere, wie lange sich das bei meiner Ankunft noch angehört hat, fast ein halbes Jahr hier in Ecuador zu bleiben – in so einer fremden Umgebung und bei so vielen neuen Eindrücken rast die Zeit manchmal wirklich an einem vorbei!

Aber naja, noch bleibt mir (zum Glück) noch etwas Zeit und die werde ich auf jeden Fall in vollen Zügen genießen. Zu wenig zu tun habe ich jedenfalls momentan nicht: Seit Mitte Oktober begebe ich mich nämlich drei mal die Woche und zusätzlich zum normalen Unterricht mit einem kleinen Team von Clave de Sur in den Norden von Guayaquil, um dort ein neues Pilotprojekt zu unterstützen. Dort befindet sich das Stadtviertel „Nueva Prosperina“, ein etwa 45 Autominuten entfernter Slum, der nochmal etwas ärmer ist als der heimische Guasmo. Dieses „Barrio“ ist geprägt von Wellblächhütten, bei denen sogar die Wände aus Metall sind und ungeteerten Straßen, in die sich eher selten mal ein Auto verirrt. Die Schüler dort werden von einem Auto mit Megaphon über unsere Unterrichtszeiten informiert, weil es an anderen Kommunikationsmöglichkeiten mangelt. Wenn man danach wieder in den Guasmo kommt, fühlt sich alles wieder ganz zivisilisiert und sauber an – Armut ist eben auch relativ.

Volles Haus in dem Wohnzimmer der Señora

Die äußeren Lebensumstände bedeuten aber keineswegs, dass die Menschen in der Nueva Prosperina weniger freundlich oder gastfreundlicher wären! Wir unterrichten mit unserem Team, bestehend aus mir (Klavier), der anderen deutschen Freiwilligen Josy (Flöte) und den beiden Ecuadorianern Vladimir (Gitarre) und Jhon (Gesang) im Zuhause einer sehr reizenden Señora, die uns immer im Anschluss an den zweistündigen Unterricht mit selbstgemachten Empanadas, Sandwiches und Limonade verwöhnt. So eine kleine Stärkung ist dann aber auch dringend nötig, weil die „Clases“ mitunter wirklich sehr anstrengend sein können!

Die Straße, in der wir unterrichten

Das ganze Projekt ist noch sehr unkoordiniert und meistens gebe ich zwei oder drei Kindern gleichzeitig Unterricht, von denen viele auch nicht regelmäßig kommen können. Weil wir alle dann auch noch im gleichen Raum sind, wird es mitunter ganz schön chaotisch. Der absolute Schlager ist da nach wie vor das schnell zu erlernende Anfängerstück „Dr. Faustulus Faustjux“, bei dem die Kinder mit den Fäusten auf den schwarzen Tasten spiele und ich sie begleite. Ich kann es mittelerweile wirklich nicht mehr hören, aber um mich geht es ja auch nicht. Hauptsache, die Schüler haben Spaß!

Das Projekt wird finanziell von der Regierung unterstützt (was uns die Anfahrt meistens mit einem Stück Kuchen, Saft oder Chifles versüßt) und dauert insgesamt zwei Monate bis Anfang Dezember. Dann gibt es zum Abschluss noch ein Abschluss-Weihnachtskonzert, bei dem wir bei sommerlichen Temperaturen „Jingle Bells“, „Stille Nacht“ und „Ihr Kinderlein kommet“ aufführen werden – vorausgesetzt natürlich, die Schüler lassen sich auch auf andere Stücke als den Faustjux ein… Ich bin aber zuversichtlich und freue mich schon auf die kommenden Stunden dort, weil es immer eine Abwechslung zum geordneten Unterrichtsalltag hier im Guasmo und mal eine ganz neue Erfahrung ist!

Geteerte Straßen - Fehlanzeige!

So viel also erst mal zu diesem neuen Projekt! Ansonsten gibt es aus den letzten zwei Wochen noch drei erwähnenswerte Ereignisse. Da wäre zuerst mein neuer und erster Trompetenschüler hier, ein etwa 50-jähriger Kubaner, der auf Kuba Perkussion studiert hat und sich hier in Ecuador mit Auftritten in verschiedenen Bands sein Geld verdient. Jetzt will er jedenfalls auch noch Trompete lernen und ist so zu meinem „Versuchskaninchen“ für meine ersten Trompetenstunden geworden – und ich lerne außerdem noch einiges über das Leben und die Verhältnisse in Kuba, was ich sehr interessant finde. Und letzten Freitag konnte ich mich bei einem Auftritt mit seiner Band in einer Kuba-Diskothek davon überzeugen, dass der kubanische Salsa wirklich sehr mitreißend ist und die kleine Karibik-Insel wohl zurecht als Wiege des Lateinamerikanischen Salsas bezeichnt wird!

Vamos a bailar - Die sehr charismatische kubanische Sängerin war echt eine Nummer!

Außerdem gab es die letzten beiden Wochenenden noch zwei Tagesausflüge: Es ging nochmal ans Meer in die Kleinstadt Playas und auf das Land nach Zhagal. Der Trip nach Playas war (wie eigentlich so ziemlich alles hier) ziemlich spontan und ungeplant, aber wir fanden durch das MoG-Projekt dort sogar eine Möglichkeit zur Übernachtung in einer sehr gastfreundlichen Familie und konnten noch einen Tag länger entspannen und den Strand genießen.

Traumstrand sieht anders aus! Aber für einen kleinen entspannten Kurzurlaub reicht's allemal

Ähnlich entspannt verbrachten wir auch die kurze Zeit in Zhagal mit einem Besuch derheißen Quellen, die sehr natürlich und mitten in beeindruckender, urwaldähnlicher Natur liegen. Dort pflückte ich mir außerdem eine Kakaobohne vom Baum, um mir meinen eigenen Kakao herzustellen. Nach dem Trocknen in der Sonne schmecken die Bohnen schon lecker und sehr konzentriert nach Kakao, sie müssen jetzt nur noch geröstet und gemahlen werden. Wenn diese Masse dann in heißer Milch geschmolzen ist, steht dem Genuss nichts mehr im Wege – ¡Qué rico el sabor del Ecuador!

Frisch erholt und entspannt nach einem Bad in den heißen Quellen

Und mit dieser gourmetischen (gibt es das Wort?) Weisheit bin ich fürs erste auch schon wieder am Ende angelangt, wie immer bedanke ich mich für alle aufmerksamen Leser!

Bis zum nächsten Mal und liebe Grüße,

Nicklas