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Musik im Paradies

Prampram, ein Fischerdorf an der Küste Ghanas, 45 Kilometer östlich von Accra. Hier geht es bei weitem nicht so geschäftig zu, wie in der Hauptstadt. Es ist Donnerstagmorgen, Julius und ich sitzen im Auto. Bach kommt aus den Lautsprechern. Kaum sind wir in Prampram, sind wir auch schon wieder draußen. Wir folgen der Straße ein paar weitere Minuten bis zum bunten Wegweißer mit der Aufschrift „KINDER PARADISE“.

Als ich das erste Mal ins Kinder Paradise kam, sah ich, wie zutreffend der Name für dieses Heim für Waisen- und Straßenkinder ist. Kokosnusspalmen und Mangobäume spenden Schatten vor der Sonne. Vom Meer, das man tiefblau in der Ferne sieht, kommt ein erfrischender Wind. Schöne Vögel fliegen umher und Echsen sonnen sich. Und Kinder spielen oder gehen ihren Tätigkeiten nach.
Das Gelände ist groß: Es gibt u.a. eine Halle für Mahlzeiten, Versammlungen und Veranstaltungen, drei Wohnhäuser für die Kinder, eine Krankenstation, sowie ein Haus für Mitarbeiter. Die Kinder können sich auf Spielplatz, Fußballfeld und Basketballfeld austoben.

Dennoch – die etwa 75 Kinder, die hier leben, kann ich nicht beneiden. Schwere Vergangenheiten, Leben auf der Straße und keine Familie, die sich um sie kümmert. Hier bekommen sie eine neue Chance, sie erhalten Fürsorge und individuelle Förderung. Zudem gehen sie auf eine staatlich anerkannte Schule, die ebenfalls auf dem Gelände liegt. Die Vision, Straßenkinder als produktive und vorbildhafte Mitglieder in die ghanaische Gesellschaft zu reintegrieren, ist kein Traum, sondern Realität.

In Ghana ist die Äußerung von Emotionen weitgehend tabuisiert. Das stellt ein Problem dar, dem man im Kinder Paradise begegnet. Denn dadurch ist es schwer, einen Einblick in die Gefühlswelt der Kinder zu bekommen. Den Kindern fällt es nicht leicht, ihre Vergangenheit und ihre Probleme zu verarbeiten. Musik soll hier helfen: Sie soll den Kindern eine Ausdrucksmöglichkeit geben und Gelegenheit schaffen, in der Trauer zu entspannen, in der Wut herunterzukommen und in der Fröhlichkeit zu genießen.

Julius und ich steigen aus dem Auto und gehen zum Schulgelände. Julius geht zur dritten, ich zur vierten Klasse. Wir unterrichten Musik. Bis jetzt haben wir hauptsächlich Noten lesen beigebracht. Wir haben Rhythmen geklatscht, Lieder gesungen und Musik angehört. Zurzeit behandeln wir das musikalische Märchen „Peter und der Wolf“. Die Kinder lernen dabei über die verschiedenen Instrumente und über das Orchester.

Wie in Schulklassen üblich – egal ob in Deutschland oder Ghana – sind nicht immer alle Kinder voll und ganz bei der Sache. In Ghana sind Schläge noch eine häufige Bestrafungsmethode, was ich an anderem Ort leider immer wieder miterlebe. Doch das wird in dieser Schule zum Glück ausnahmslos nicht praktiziert.

Nach der Schule gibt es donnerstags Waakye, das ist Reis mit Bohnen. Hier im Kinder Paradise schmeckt es besonders gut. Anschließend macht sich Julius auf den Weg zurück nach Accra.
Seit diesem Schuljahr wird im Kinder Paradise Geige, Klavier und Gitarre unterrichtet. Die Lehrer von geniusHive arbeiten hier ehrenamtlich: Genevieve und Julius unterrichten Klavier, Joshua Gitarre.

Nach der Schule unterrichte ich sechs Geigenschüler. Manchmal unterrichte ich sie in Kleingruppen, oft auch einzeln. Das hat sich als wesentlich produktiver herausgestellt, als der Unterricht mit der ganzen Gruppe.

Es wird für den ersten Auftritt geübt: Am 28. November wird das End-of-year-Konzert von geniusHive stattfinden. Die Planungen dafür sind in vollem Gange. Die Geigenschüler im Kinder Paradise üben zurzeit ein Stück, das sie zusammen vorspielen wollen. Und der Chor probt zwei vierstimmige Weihnachtslieder, meist unter der Leitung von Julius, manchmal auch von mir. Eines der beiden Lieder wird von einem Orchester begleitet werden. Mit einer stark vereinfachten Stimme sollen auch schon die Geigenanfänger vom Kinder Paradise mitspielen.

Am Freitagvormittag unterrichte ich fünfte, sechste und zweite Klasse, anschließend gehe ich in den Kindergarten. Natürlich ist mein Unterricht nicht in jeder Klasse gleich. So lernen die Kindergartenkinder noch nicht, Noten zu lesen, sondern singen Kinderlieder. „Peter und der Wolf“ lässt sich allerdings in allen Klassen durchnehmen; es kommt nur darauf an, wie. Im Kindergarten merken wir uns noch nicht die Namen von allen Instrumenten, sondern malen Peter und die Tiere, während wir der jeweils dazugehörigen Musik lauschen. Am Freitagnachmittag unterrichte ich wieder die Geigenschüler, bevor es für mich zurück nach Accra geht.

Eine Vision von geniusHive ist es, guten Instrumentalschülern im Kinder Paradise später einen Job als Instrumentallehrer zu geben. Das passt hervorragend zum Motto von Musiker ohne Grenzen: „Perspektiven schaffen. Mit Musik.“ Doch nicht jeder Schüler soll oder kann später zum Berufsmusiker werden. Egal, ob sie später als Musiker Geld verdienen oder nicht, werden sie – davon bin ich überzeugt – durch die Musik eine Bereicherung finden. Sie steigern ihre Disziplin und Konzentrationsfähigkeit, entdecken ihre Individualität, erfahren Gemeinschaft im gemeinsamen Musizieren und finden in der Musik vielleicht einen unerklärlichen, wunderbaren, ja paradiesischen Schatz.

Herzliche Grüße aus Ghana,
Johannes