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Von Ola Sinfonica und Co.

Ich glaube, es ist an der Zeit, etwas über die Musikschule und das Unterrichten zu schreiben – hier kommt also der erste mehr oder weniger „musikalische“ Eintrag!

In meiner allerersten Woche fand noch kein Unterricht statt. Als dann nach und nach die anderen MoGs eintrudelten, haben wir angefangen, Werbung für die Musikschule zu machen. Im Zentrum von Playas haben wir Flyer verteilt, die dazu eingeladen haben, zu einer Reunión ins Centro Intercultural zu kommen, um sich für ein Instrument einzuschreiben. Jana und Anne waren außerdem im Radio und haben die alten Schülerlisten durchtelefoniert, um zu fragen, wer von den Schülern des letzten Jahres wieder Unterricht nehmen möchte. Zu der Reunión kamen erstaunlicherweise recht viele Leute, es gab vor allem für Klavier und Gitarre sehr viele Anfragen, aber auch Geige schlug sich ganz gut. Mittlerweile habe ich um die 15-18 Schüler. Davon kommen nicht immer alle, aber mein Stundenplan ist gut gefüllt.

Zur Verständlichkeit, weil das vielleicht nicht immer ganz klar war:
Wir unterrichten im Centro Intercultural, also im Kulturzentrum von Playas, auch Cacique Tumbala oder CIC genannt, das vor ein paar Jahren gebaut wurde, um „mehr Kultur“ nach Playas zu bringen.

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Dort finden mehrmals in der Woche Reuniones statt, meist für Senioren, z.B zum Singen oder für irgendwelche kirchlichen/religiösen oder städtischen Veranstaltungen. Außerdem gibt es einen Malraum, eine Bibliothek und ein paar Tanzgruppen, die vormittags bzw. abends die Bühne nutzen. Dann gibt es noch ein paar andere Räume, die immer so genutzt werden, wie es gerade passt, z.B. für Bastel-/Nähkurse oder als Abstellraum und mittendrin ist Ola Sinfonica, die Musikschule, die ebenfalls einige Räume zur Verfügung gestellt bekommt.
Abgesehen von den Schülern besteht die Musikschule mittlerweile aus verschiedenen Leuten: aus Fernando, der eigentlich schon pensioniert ist, aber vor ungefähr einem halben Jahr von der Stadt als Musiklehrer angestellt wurde, aus Doris, die aus Alaska kommt, aber hier lebt, mehrmals die Woche Trompeten-Gruppenunterricht gibt und sehr hilfreich ist, was die Organisation angeht und eben uns, den Musikern ohne Grenzen. Wir MoGs sind diejenigen, die Einzelunterricht geben und offensichtlich noch den Großteil der Lehrer ausmachen. Dem Ziel, dass die Musikschule irgendwann mehr oder weniger von Ecuadorianern geleitet wird, sind wir in dem Sinne schon näher gekommen, dass Fernando angestellt wurde (ich bin mir gerade nicht sicher, ob Doris auch angestellt ist). Und dann gibt es noch Isabel, die Chefin vom Centro Intercultural, die manchmal auch noch mitmischt und Alex, also meinen Gastbruder, der auch immer bei Auftritten dabei ist, für die Technik und meist auch Moderation zuständig ist und generell hilft, wenn es etwas zu helfen gibt.

Mittlerweile ist der Alltag eingekehrt, was das Unterrichten betrifft. Am Anfang war alles ein bisschen chaotisch, mein Stundenplan hat sich oft geändert (na gut, der ändert sich eigentlich immer noch ständig ?), Schüler wussten nicht Bescheid, wann sie kommen sollten, konnten dann doch nur zu bestimmten Zeiten, mussten angerufen werden, alles war neu für uns, aber auch für die neuen Schüler, und vor allem an das viele Unterrichten (und dann auch noch auf Spanisch!) musste ich mich erstmal gewöhnen. Mittlerweile finde ich mich ganz gut in der Sprache zurecht und muss beim Unterrichten nicht mehr viel nachdenken. Die wichtigsten Begriffe prägen sich zwangsweise halt doch sehr schnell ins Gedächtnis ein und die Schüler helfen mir immer und sind sehr geduldig, wenn mir mal ein Wort nicht einfällt.

Eine Sache, die noch parallel zum Unterricht stattfindet, ist das Mini-Orchester, das vor einigen Monaten (von Fernando?) zum Leben erweckt wurde. Darin spielen bisher um die 6-8 ecuadorianische Schüler, Doris, Fernando und wir MoGs. Bisher hatten wir schon ziemlich viele Auftritte: auf Fiestas, Reuniones, Einweihungen oder kirchlichen/städtischen Veranstaltungen, sprich, bei jeder Gelegenheit (also gefühlt jedes Wochenende) soll das Orchester spielen und die Musikschule repräsentieren. Das Ziel ist es, dass wir die Schüler nach und nach auf das Orchester vorbereiten, damit es irgendwann nur noch aus den Schülern besteht. Aber bis jetzt gibt es noch nicht allzu viele Schüler, die dafür weit genug sind. Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickeln wird.

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Es gab mittlerweile schon zwei weitere „Viernes culturales“, einmal in Engabao, einem Dorf, was zu Playas gehört, und das dritte Mal wieder in Playas. Diese Konzerte sollen die Musikschule und das Kulturzentrum etwas bekannter machen und den Schülern die Möglichkeit geben, vorzuspielen. Allerdings ist es so, dass bisher weniger neue Schüler von uns gespielt haben, sondern eher diejenigen dabei waren, die bei Fernando den Sommer über Unterricht hatten. Das Orchester hat auch immer gespielt und z.B. auch Ivans Gitarrengruppen, die täglich im Cacique proben und echt ganz gut sind (aber irgendwie nur so halb zu Ola Sinfonica gehören, glaub ich (?)…Ivan macht eher sein eigenes Ding).

Ivans Gitarrengruppe

Die Grundidee des „Viernes cultural“ finde ich super, aber ich glaube, dass ein Konzert alle 2-3 Wochen, so wie es bisher war, etwas zu viel ist. Es muss zwar nicht alles 100% perfekt sein, um Gottes Willen nicht, aber ich glaube, es würde auch nicht schaden, an einem Stück mal länger zu arbeiten, es richtig gut zu lernen und nicht alle zwei, drei Wochen zwanghaft ein Stück mehr oder weniger (aber eben nur „mehr oder weniger“) vorspielreif vorzubereiten, was bei manchen Stücken manchmal einfach etwas zu kurz ist. Aber der letzte „Viernes Cultural“ lief meiner Meinung nach schon viel besser als der erste, und deshalb bin ich frohen Mutes, dass es sich noch weiter verbessern wird. Und hoffentlich können auch bald unsere neuen bzw. mehr verschiedene Schüler mit eingebunden werden.. Das würde mich sehr freuen. ☺️

Die Schlüsselsituation im Cacique ist auch etwas besser geworden. Mittlerweile haben wir dank Doris ENDLICH Schlüssel zu den Instrumentenschränken! Davor musste ich Fernando jeden Tag nach seinem Schlüssel fragen und es kam auch schon mal vor, dass er weder im Cacique, noch in seinem etwa 100m entfernten Haus war und ich dann ohne Geigen da stand. Er sagte zwar mehrmals, dass er sich um Schlüssel-Kopien kümmern würde („si, si, hoy voy a hacer copias!“), was er mir ungefähr an 4 Tagen hintereinander versprach, aber ich glaube, sein ecuadorianischer Charakter hielt ihn dann doch davon ab, sich wirklich sofort drum zu kümmern. Aber gut, jetzt haben wir Schlüssel und darüber bin ich sehr froh. Das nächste Ziel ist es, Schlüssel für die Räume zu bekommen, die Ola Sinfonica nutzt. Die Guardiáns, die 24h lang auf das Gebäude aufpassen, schließen zwar sofort alles auf, wenn man sie danach fragt, aber es kam auch schon vor, dass doch keiner Schlüssel hatte und Alex, Fernando oder Doris angerufen und geholt werden mussten (die zu dem Zeitpunkt natürlich zufälligerweise alle NICHT im Cacique waren…?).

Unseren anfänglichen zweiten freien Tag (abgesehen vom Sonntag), den Mittwoch, konnten wir auf Samstag verschieben, sodass wir jetzt das Wochenende frei haben und von Montag bis Freitag arbeiten. Isabel wollte zuerst, dass wir samstags arbeiten, weil da angeblich mehr Schüler können und keine Schule ist, aber 1. haben sich vor kurzem die Arbeitszeiten für die Municipio-Leute (also für die, die von der Stadt angestellt sind und im Cacique arbeiten) geändert und zwar von Di-Sa auf Mo-Fr, weshalb Samstag wahrscheinlich ein Schlüsselproblem aufgetaucht wäre, und 2. müssen alle Schüler jetzt auch samstags zur Schule gehen, da dieses Jahr der berüchtigte „El Niño“ erwartet wird. Und deshalb wird jetzt mehr unterrichtet, um die Schulstunden, die durch den „El Niño“ ausfallen werden, auszugleichen. Uns wurde erzählt, dass dann einige Straßen komplett überflutet sein werden, nicht alle Kinder zur Schule kommen können und deshalb die Schule über längere Zeit ausfallen wird. Super toll, dass der „El Niño“ dieses Mal besonders stark sein soll. A ver, a ver…?

Zum Unterrichten kann ich folgendes sagen: grundsätzlich macht es mir sehr viel Spaß und ich bin nach so vielen Wochen Beurteilungszeit immer noch der Meinung, dass es eine sehr sinnvolle Arbeit ist, die wir dort machen! Viele Schüler sind sehr motiviert, talentiert, spielen teilweise sogar verschiedene Instrumente und manche kommen fast täglich ins Cacique, um zu üben oder Unterricht zu nehmen.
Manchmal ist das Unterrichten etwas anstrengend, aber das ist von Schüler zu Schüler unterschiedlich. Es ist erstaunlich, dass man wirklich von der ersten Minute an merkt, wer Talent hat und sehr schnell lernt und wer etwas länger braucht, um bestimmte Sachen zu verstehen oder umzusetzen. Motiviert sind eigentlich alle, das liegt wahrscheinlich daran, dass wirklich nur die Leute kommen, die Lust haben, ein Instrument zu lernen. Wenn ein Schüler öfter nicht kommt, wird er eben von der Liste gestrichen und gut ist. Dann ist wieder Platz für einen neuen Schüler (kommt aber eigentlich selten vor).

Geige ist ein recht schweres Instrument, weil es technisch gesehen soo viel zu beachten gibt (Körperhaltung, Haltung der linken und rechten Hand, Intonation, Bogenstrich, Klang usw.) und man so viel ganz schnell falsch machen kann. ? Und da man sich das Falsch-Gelernte nur super schwer wieder abgewöhnt, ist es etwas schwierig, auf alles gleichzeitig zu achten, vor allem am Anfang. Und bei all der Technik soll die Freude an der Musik auch nicht in Vergessenheit geraten! Deshalb versuche ich, die Schüler oft zu loben und z.B. eine zweite Stimme dazu zu spielen, damit die langweiligen leeren Saiten oder die schlichten Anfängerstücke dann doch ein bisschen nach Musik und nicht nur nach stumpfem Üben klingen. Ich habe einige Schüler, die wirklich schon recht gut sind, vergleichsweise dafür, wie lange sie spielen sogar super gut, mit denen ich richtige Stücke spiele und die ich manchmal auf dem Klavier begleite. Aber ich habe auch recht viele Anfänger, die abgesehen vom Instrument auch den Rhythmus und das Notenlesen lernen müssen und bei diesen Schülern ist es logischerweise mühsamer, voranzukommen. Aber das ist natürlich okay, jeder ist schließlich mal Anfänger. Nach jeder Stunde schreibe ich mir stichpunktartig auf, was ich mit dem Schüler gemacht habe und was ich nächstes Mal wiederholen will. Bei so vielen Schülern ist das sonst schwer, einen Überblick zu bewahren und anhand dessen kann man auch besser Fortschritte erkennen.

Das einzige Problem an der ganzen Unterrichtssache ist die Pünktlichkeit oder besser gesagt die Unpünktlichkeit der Schüler. Gefühlte 90% der Eccis kommen immer mindestens 10 Minuten zu spät, manchmal auch eine halbe Stunde oder wie es halt gerade passt. Generell kommt mir diese Entspanntheit sehr entgegen, aber fürs Unterrichten ist es einfach blöd – erstens für uns, weil wir dann im Cacique rumsitzen und warten müssen, und zweitens für die Schüler, weil sie dann weniger Unterrichtszeit haben. Diese Unberechenbarkeit ist etwas anstrengend, es kann nämlich auch vorkommen, dass ein Schüler, der das letzte Mal eine Stunde zu spät gekommen ist, plötzlich um Punkt auf der Matte steht und man selbst davon ausgegangen ist, etwas später anzufangen und vielleicht noch mit einem anderen Schüler beschäftigt ist. Aber naja, wir versuchen den Schülern immer wieder klar zu machen, dass es wichtig ist, pünktlich und zur verabredeten Zeit zu kommen. Aber es ist mir lieber, wenn sie überhaupt kommen als wenn sie gar nicht kommen, denn es kommt auch öfter mal vor, dass ein Schüler einfach gar nicht auftaucht, weil er diese Woche „halt gerade keine Zeit hatte“, es vergessen hat oder es irgendwie ein anderes Problem gab. Guuuut, ich versteh ja, wenn man mal nicht kommen kann oder etwas zu spät kommt, aber WAS IST DARAN BITTE SO SCHWER, kurz anzurufen und Bescheid zu sagen?! Aaaaaaaargh. Und manche Schüler rufe ich sogar vorher an, um sicher zu gehen, dass sie kommen und dann kommen sie doch nicht. Aber auf die meisten Schüler kann und will man sowieso nicht böse sein. Mit Betonungen auf die „meisten“. Es gibt auch Schüler, die einen zur Weißglut bringen können, ich glaube, meine MoG-Troup weiß, von was bzw. wem ich spreche ?.

Das Schönste ist aber, wenn der Unterricht dann richtig gut läuft, wenn der Schüler alles schnell umsetzen kann oder sich besonders freut, wenn irgendwas geklappt hat. Ich habe einige Schüler, bei denen es echt Spaß macht, sie zu unterrichten und nach deren Stunde ich immer sehr glücklich bin und mich bestätigt in dem fühle, was wir machen.

Was auch sehr geil war, als nach seiner zweiten Stunde ein Schüler ankam und mir davon berichtete, dass er jetzt eine Geige gekauft hätte! Er ist recht jung, vielleicht 10 oder so, aber hat total viel Talent und lernt mega schnell. Neulich hatte er Unterricht und wir haben nach der Stunde besprochen, dass ich ihm für das nächste Mal etwas kopiere, damit er auch Zuhause üben kann. Was passiert? Er kommt 2 Minuten später zurück und fragt, ob er das Heft doch jetzt schon haben könnte, denn seine Mama würde das kurz kopieren und dann gleich zurückbringen. Damit er schon anfangen kann, Zuhause zu spielen. Wie cool ist das denn? Ich hab’s sehr gefeiert! ?
Und einige von meinen Schülern haben auch eine eigene Geige und von ein paar anderen Schülern weiß ich, dass sie sich eine Geige kaufen wollen bzw. werden. Das glaube ich zwar erst, wenn sie die dann wirklich mitbringen?, aber die Motivation ist da, auf jeden Fall! Und das ist das wichtigste, dran bleiben, dran bleiben!

Ich glaube, das war’s erstmal zur Musikschule und zu allem drumherum. Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in alles geben.

In diesem Sinne: ¡viva la música!

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Lea