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Was eigentlich wichtig ist

Ich hatte am Anfang meiner Zeit hier ein klitzekleines Aha-Erlebnis. Die Situation erscheint vielleicht lächerlich, aber es hat mich dazu gebracht, über dieses Thema nachzudenken.

Aus irgendeinem Grund gab es nämlich einige Tage nach meiner Ankunft plötzlich in fast ganz Playas kein Wasser mehr. Meine Familie hatte vorgesorgt und zwei große Eimer mit Wasser gefüllt (mittlerweile weiß ich, dass die da immer stehen haha), für die Klospülung und um das Wasser z.B. zum Kochen zu benutzen. Ich fragte Alex, warum es denn kein Wasser gäbe und er erklärte mir etwas (da konnte ich noch nicht so gut Spanisch, jetzt im Nachhinein weiß ich den Grund). Tatsache war aber, dass es einfach kein Wasser gab.
Es war kein großes Problem und es war nichts Neues, es war einfach so. Punkt. Für mich war es eigentlich auch nicht weiterhin schlimm, aber ich kam gerade vom Strand, mein ganzer Körper noch vom Salzwasser klebrig und verschwitzt, und ich hatte mich sehr auf eine Dusche gefreut. Ich war kurz ein bisschen verdutzt, aber meine Reaktion war, gut, dann eben keine Dusche und sparsam mit dem restlichen Wasser umgehen. Was blieb mir auch anderes übrig.
Die ganze Situation wiederholte sich in den folgenden Tagen bzw. Wochen, es gab öfter kein Wasser und auch jetzt fällt es, zwar selten, aber immer wieder mal aus. Ohne Ankündigung. Und wer weiß, für wie lange. Genauso ist es mit dem Strom, es gab in meinem Viertel schon ein paar Mal keinen Strom, auch abends nicht, weshalb wir uns kurzerhand mit Kerzen und Handy-Taschenlampen durchs Haus bewegten.

Der Grund, warum ich das hier erzähle, ist nicht der, dass es so krass ist, dass mal das Wasser oder der Strom ausfällt, sondern folgender: am nächsten Tag drehte ich morgens den Wasserhahn auf und rechnete eigentlich nicht damit, dass jetzt wieder Wasser herausströmen würde (in Ecuador weiß man nie, wann sowas dann wieder funktioniert, dafür hatten die paar Tage gereicht, um das zu blicken). Und ich war so unglaublich dankbar, dass es nun doch wieder lief, dass ich nicht nur über das Wasser, sondern auch über mich und meine Dankbarkeit sehr erstaunt war. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es jemals so feiern würde, dass aus einem Wasserhahn Wasser strömt und wie sehr ich die kalte (ja, kalte!) Dusche genoss.

Das ganze Mini-Aha Erlebnis hat mir zu bedenken gegeben. Wie wäre es wohl, wenn in Deutschland öfter mal das Wasser oder der Strom ausfallen würde? Wie selbstverständlich ist es, dass wir diese Dinge in Deutschland haben? Leider ist es mit den meisten Dingen im Leben so, so richtig schätzt man sie erst, wenn man sie nicht mehr hat (und das nicht nur auf Wasser oder Strom bezogen, sondern auf alle Bereiche im Leben: Freiheit, Sicherheit, Essen, ein warmes Bett, Freunde, Familie, Bildung, Zeit usw). Wenn man merkt, dass bestimmte Selbstverständlichkeiten eben doch nicht immer Selbstverständlichkeiten sind. Im Normalfall wird so ein Ausfall in Deutschland nicht passieren, und wenn, würde sich jeder gleich total drüber aufregen. Und deshalb sollten wir uns öfter bewusst machen, dass wir immer Strom, Wasser, ein isoliertes Haus (WO KEIN LÄRM REINKOMMT ARGH!) etc. haben und daran denken, wenn wir einen schlechten Tag haben, wir uns z.B. über einen verpassten Bus oder andere Nichtigkeiten ärgern, dass es uns doch eigentlich so verdammt gut geht. Wir sollten für diese Dinge, die einem so banal erscheinen, dankbar sein und überhaupt alles, was wir haben oder tun dürfen, mehr schätzen.
Ich bin im Moment dabei, diese Dankbarkeit bewusst zu lernen und das, obwohl ich in meiner Gastfamilie und generell in Ecuador alles habe, was ich brauche. Und dabei will ich den Wasser-/Stromausfall gar nicht als Problem darstellen, mittlerweile ist es für mich auch nichts Besonderes mehr.
Ich bin hier genauso dankbar für alles, wie ich es in Deutschland bin. Dass ich hier ein Leben habe, von dem viele Menschen auf der Welt träumen, dass es ein unbeschwertes Leben ist, dass ich jeden Tag aufwache und mir keine Sorgen machen muss, ob meine Grundbedürfnisse abgedeckt sind. Es ist nicht so, dass ich das in Deutschland nicht geschätzt hätte oder mir erst hier in Ecuador auffällt, dass wir alle, die das hier lesen, ein privilegiertes Leben führen (alleine schon die Tatsache, dass ihr Internetzugang habt, um das hier zu lesen, ist ein großes Privileg). Aber diese Situation, die ich oben beschrieben habe, war für mich irgendwie der Auslöser, ein stärkeres Bewusstsein für bestimmte Dinge zu entwickeln.

Deshalb sollten wir die banalen Probleme des Alltags manchmal etwas mehr in Vergessenheit geraten lassen. Und in unserem ach-so-stressigen Leben die wirklich wichtigen Dinge erkennen – und zwar, wie gut es uns geht. Denn für viele Menschen ist das nicht selbstverständlich.

So, für heute genug Moralapostel gespielt, Lea. Aber wenn ich nur eine Person dazu bringen konnte, darüber nachzudenken, dann bin ich schon glücklich!

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderschönen Tag! Und denkt dran, lacht wenigstens heute mal die kleinen Problemchen des Lebens aus und feiert euer Leben ?. Denn es gibt genug Gründe, um dies zu tun.

Bis dahin, vergesst nicht:

¡Viva la vida!

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Lea