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Eindrücke aus Jamaika

Antonia war als grenzenlose Musikerin für mehrere Monate in Trenchtown, Jamaika. Während ihrer Zeit im Projekt wurde sie für einige Tage von ihrer Mutter besucht, die ihre Eindrücke nach ihrer Rückkehr nach Deutschland in Antonias Reisetagebuch schildert. Die folgenden Zeilen sind ein Auszug, den Beitrag in voller Länge und viele weitere Bilder finden Sie hier.

„Ihr Lieben,

es ist 4 Uhr morgens und da ich durch den Jetlag keinen Schlaf finden kann, beginne ich nun zu schreiben. Wir sind nun seit einem Tag zu Hause. Schweren Herzens habe ich mich von Antonia verabschiedet, aber ich hatte sie ja jetzt ganze 4 Wochen. Antonia hat mich gebeten, meine Eindrücke von Jamaika zu schildern, und ich glaube, das ist eine wirklich gute Idee. Sie ist nämlich mittlerweile völlig im „ Jamaika – Groove“ angekommen, vieles nimmt sie anders wahr und das ist auch gut so. Ich würde mal lapidar sagen, anders kann man das auch nicht aushalten.

Mein erster Eindruck, als mich Antonia am Flughafen abgeholt hat, war: „Wow, mein Kind ist erwachsen geworden“. Sie verhandelt mit Taxifahrern, als wäre sie in Delhi auf dem Wochenmarkt. Sie spricht fließend Englisch, sie versteht „Patois“ (das Sprechen übt sie noch) und organisiert alles, was auf einer Reise zu tun ist.

Als ich mit Antonia und Suarez durch die Strassen und Gassen Trenchtowns gelaufen bin, kamen immer wieder strahlende Kinder auf Antonia zu gerannt und warfen sich in ihre Arme. Immer wieder rief es, „Yow Toni wah gwaaaan“.

Suarez ist übrigens der Grund, dass ich tatsächlich überhaupt keine Angst um Antonia habe. Er begleitet sie, kennt die Guten und die Bösen in Trenchtown und hat immer ein wachsames Auge auf alles. Lieber Suarez hier noch einmal ein dickes DANKE an dich, dass du so toll auf Antonia aufpasst! Kevin Kostner ist ein Dreck dagegen…

Antonia hat es in den wenigen Monaten geschafft die Kinder und Menschen hier für sich zu gewinnen. Die Kinder lieben sie und Antonia liebt die Kinder. Mit einer Engelsgeduld wird unterrichtet, manchmal getröstet und ganz selten auch geschimpft. Sie hat Freunde, sie liebt die Menschen, sie bewegt sich völlig selbstverständlich in einem Umfeld, in das sich nicht einmal Einheimische trauen. Wenn man den Menschen erzählt, dass man nach Trenchtown geht oder gar dort wohnt, glauben sie es nicht.  Weiße Menschen in Trenchtown, das geht gar nicht. Warum das so ist, wurde mir dann auch bald klar. In der Zeit, in der ich und später auch Christian da waren, wurden insgesamt 6 Menschen erschossen. Es sind Taten, die wir niemals begreifen werden. Wenn eine Gang jemanden erschiesst, wird am nächsten Tag einer von der anderen Gang erschossen. In der letzten Woche, in der wir dort waren, wurde ein Mann mit seinem zweijährigen Baby auf dem Arm erschossen. Das Baby wurde mit einem Kopfschuss getötet.

Viele junge Menschen, die Antonia kennt, waren schon Zeugen solcher Gewalttaten. Oft wird man bedroht und drangsaliert und verprügelt, weil man Mitglied ein dortigen Gang werden soll. Man ist wirklich machtlos und um so mehr wird einem bewusst, wie wertvoll die Arbeit der „Musiker ohne Grenzen“ ist.

Sicher, ein Tropfen auf den heißen Stein, aber steter Tropfen…

Die Kinder haben eine Zuflucht, sie haben die Möglichkeit, sich mit etwas Schönem zu beschäftigen, sie erarbeiten was als Gruppe, sie können auch mal stolz sein und manchmal bekommen sie dort auch einfach etwas zu essen. Auch das ist nicht selbstverständlich. Oft reicht das Geld nur für eine Mahlzeit am Tag. Auch das ein Satz, der sich mir eingeprägt hat: “Es muss zumindest keiner hungrig einschlafen“. Tagsüber aber ist der Hunger für viele Kinder ein ständiger Begleiter.

Und hier kommen wir zum Hauptproblem, kaum einer der im Slum lebenden Menschen hat Geld. Es gibt nicht zu arbeiten und Antonia erzählte mir, dass allein die Adresse Kingston 12 ausreicht, nirgendwo eine Anstellung zu bekommen. Allgemein ist es auf Jamaika so, dass die wenigsten Menschen ein geregeltes Einkommen haben. Auf dem Land haben die Menschen den Vorteil, dass sie wissen ,wo die Brotfrucht- und Mangobäume wachsen und somit zumindest genug zu essen haben. Die Vorstellung, Jamaika wäre eine karibische Trauminsel, kann man sich sehr schnell abschminken, vorausgesetzt, man bewegt sich als Tourist aus seinem 5 Sterne Luxus- Resort raus. Um es wirklich zu begreifen, muss man es gesehen haben. Mütter leben mit ihren 3 Kindern in einem Raum, eigentlich ein Bretterverschlag mit Wellblechdach. Es gibt ein ca. 1,40 Meter breites Bett für alle und einen Ventilator, ohne den man hier wirklich kein Auge zudrücken kann. Es gibt keine Küche, es gibt keine Dusche, es gibt kein Klo im Haus. Gewaschen wird von Hand, aber man erlebt nicht, dass jemand ungepflegt herum läuft. Überhaupt sind die Jamaikaner tolle Menschen. Man erlebt niemanden schlecht gelaunt, motzig oder ungeduldig. Selbst im wirklich chaotischen Straßenverkehr, im völlig überfüllten Bus oder Taxi bei sengender Hitze rückt man halt zusammen oder stapelt sich. Da könnte sich hier manch einer was abgucken. Allerdings drückt die ständig akute Gewalt und Sorge wohl schon aufs Gemüt.

Wirklich wahrgenommen haben wir das, als wir zu neunt für 5 Tage nach Port Antonio gefahren sind. Alle waren plötzlich wie verwandelt, der 7 jährige Obama sagte: „I will stay here forever.“. Alle waren  viel gelöster und fröhlicher. Meinen 50. Geburtstag durfte ich dann mit einer wundervollen Gruppe feiern. Suarez, seine Schwester Kelly, ihre 3 Kinder Chu-Chu, Obama und Kareem (Antonias Patenkind) und Davia Antonias beste Freundin hier und natürlich Christian. Wir hatten einen traumhaften Tag an dem schönsten Strand, den ich je gesehen habe.

Insgesamt hat mich diese Reise ein weiteres Mal sehr nachdenklich gestimmt. Wir sind die Glücklichen, die am richtigen Ort geboren wurden. Wir haben ein funktionierendes Sozialsystem, Krankenkassen, Renten, Arbeitslosengeld, einen Job oder halt Hartz 4. Für uns alles selbstverständlich, in vielen Teilen der Welt unvorstellbar. Unsere Kinder können auch ohne teure Schuluniform zur Schule gehen. Wir können Schulbücher leihen, wir müssen sie nicht für teures Geld kaufen. Für viele Slumbewohner ist es fast unmöglich, das Geld für ihre Schulkinder aufzubringen. Was ein veraltetes, bescheuertes System!!!!

Junge Leute, die sich bei Organisationen wie „Musiker ohne Grenzen“ oder den vielen anderen Freiwilligendiensten engagieren, sind diejenigen, die Licht und Hoffnung in Gegenden bringen, in denen es eigentlich wenig Hoffnung gibt.

Und wenn es dann der ein oder andere schafft, durch diese Arbeit aus dem Elend  zu entkommen, dann hat sich das Engagement schon gelohnt.

Dank euch Allen,
eine stolze Mama“