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Perspektiven schaffen. Für wen eigentlich?

Ich erinnere mich, wie ich vor mehr als drei Jahren am Flughafen in Hannover stand. Mein erster Langstreckenflug, meine erste Reise ins Unbekannte. Mit meinem deutschen Weltrettergedanken machte ich mich auf den Weg in ein Entwicklungsland, nach Ecuador. Perspektiven schaffen, mit Musik. Ich hatte eine schöne Kindheit, mir wurde viel ermöglicht. Ich war schon immer irgendwie sozial und endlich konnte ich der Welt ein Stückchen Glück zurückgeben. Ich ließ also mein Schulabschluss-Leben hinter mir und tauchte für einige Zeit in ein neues zu Hause ein. Recht schnell wurde mir klar, dass niemand so wirklich auf meine Hilfe gewartet hat. Meine Vorstellung von Entwicklungshilfe wurde neu definiert und der Weltrettergedanke nahm Tag für Tag ein bisschen mehr ab. Erzählte ich von meinen Einstellungen, Prinzipien oder Zukunftsplänen, wurde ich belächelt. Was weiß eine 18-jährige schon vom Leben? Rückblickend wird mir, bei Gedanken an die Zeit in Ecuador, ganz warm ums Herz. Ich denke an die vielen Menschen, die ich kennenlernen durfte, die Musikschule, in der wir durch unseren Unterricht Begegnungen geschaffen haben, in der etwas ganz Besonderes entstand und an das Eintauchen in eine neue Kultur, die mich zum Mitglied werden ließ. Und es ist die Wahrheit: Wenn ich auf die Zeit zurückschaue, dann habe ich Perspektiven geschaffen, Freundschaften geschlossen und Weltbilder eröffnet. Doch wenn ich ehrlich bin, wurde mir das Dreifache davon zurückgegeben.

Denn heute sitze ich in Santiago de Chile und studiere ein Semester Psychologie auf Spanisch. Meine ersten spanischen Wörter habe ich gelernt, als ich mich für meinen Freiwilligendienst vorbereitete. Heute wohne ich durch eine Reihe von Zufällen bei meiner damaligen Gastschwester und ihrer Familie, die sich zurzeit in Chile befindet. Wir tauschen uns aus, kochen deutsch, chilenisch und ecuadorianisch und lernen in einem ganz neuen Rahmen viel voneinander. Bald werden sich beide Seiten wieder mit komplett neuen Denkanstößen voneinander trennen. Heute weiß ich, dass ich in den letzten Jahren ganz wundervolle Menschen getroffen habe, die mich den Rest meines Lebens begleiten und inspirieren werden. Heute tanze ich vier Mal die Woche Salsa und habe eine neue Leidenschaft entwickelt. Meine ersten Schritte lernte ich 2013 auf dem Vorbereitungsseminar meines Freiwilligendienstes. Heute hinterfrage ich jede Woche im Politikkurs den Terminus Entwicklungsland und Europas Rolle in der Welt. Warum soll eigentlich jedes Land einen bestimmten Entwicklungsstand als Ziel anstreben? Wieso lässt man die einem fremden Lebensentwürfe und Weltanschauungen nicht einfach in Ruhe existieren? Heute merke ich, wie sich Tag für Tag Vorurteile und Schranken in meinem Kopf abbauen müssen, die sich zwanzig Jahre lang aufgebaut haben und wie sich mein Weltbild immer noch jeden Tag erweitert. Heute bin ich froh und dankbar über jede Entscheidung, die ich in meinem Leben bisher getroffen habe und merke, dass sich mein Weg noch nie so richtig angefühlt hat.

Und dann blicke ich auf mein 18- jähriges Ich zurück, und frage mich, für wen es damals wohl wirklich notwendig war, Perspektiven zu schaffen.

1 Kommentar

  1. Hermoso. Maravilloso. Esta mujer sabe lo que dice.

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