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Ola Sinfónica

Nach nun gut zwei Monaten hier in Playas ist es an der Zeit das Projekt vorzustellen, das hier einen Großteil meiner Zeit in Anspruch nimmt und das auch den Grund für meinen Aufenthalt darstellt.

Das Projekt „Ola Sinfónica“ (auf Deutsch Sinfonische Welle) wurde 2012 gegründet. Es war damals das zweite Projekt von Musiker ohne Grenzen, neben dem Gründungsprojekt im Guasmo in Guayaquil. Behergt ist es nach wie vor in den Räumlichkeiten des „Centro Intercultural Comunitario Cacique Tumbala“, kurz CICCT, CIC oder meistens einfach nur „das Cacique“.

Wie sich aus dem Namen schon erschließen lässt, sind wir Musiker nicht die einzigen im Cacique. Das weitere Angebot besteht vor allem aus Kunstunterricht, Tanzkursen (insbesondere für Senioren) und Beautykursen, in denen es, soweit ich das mitbekomme, vor allem um Maniküre und Schminken geht. Außerdem gibt es Konditorei-, Näh-, Computerreperatur-, Elektronik-, Bastel- und andere Kurse. Viele finden aber nur ein oder zwei mal die Woche statt. Zur Zeit ist mit den ganzen erwähnten Kursen recht viel los im Cacique, bis vor einigen Wochen war es aber noch sehr viel ruhiger und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die vielen neu begonnen Kurse wieder nach und nach auflösen.

Das Cacique besteht aus mehreren L-Förmig angeordneten Räumen, verbunden durch einen überdachten aber zum Innenhof hin offenen Gang. An einem Ende befindet sich außerdem eine große Bühne, ausgerichtet zum Innenhof, in dem bei großen Veranstaltungen (die es hier aber zur Zeit nur sehr selten gibt) das Publikum Platz nehmen kann. Viele der Kurse finden auf der Bühne statt, da nicht genügend Räume vorhanden sind und dort das Klima auch angenehmer ist. Im Innenhof befinden sich außerdem ein Basketballkorb und Fußballtore. Letztere nutzen wir einmal die Woche, damit sind wir aber auch die einzigen, die diese Möglichkeit wahrnehmen.

Alles was im Cacique musikalisch passiert läuft unter dem Namen der Ola Sinfónica. Zur Zeit stehen uns vier Räume fest zur Verfügung: Ein großer Raum, in dem wir auch Schließfächer mit unseren Instrumenten und Noten haben, zwei Pianoräume und ein Schlagzeugraum. Andere Räume können wir gelegentlich auch nutzen, sind aber zur Zeit häufig von anderen Kursen besetzt. Da ich mit meinem Saxophon nicht so ortsgebunden bin wie beispielsweise die Klavierlehrer, unterrichte ich sehr viel im Freien, entweder auf der Bühne oder im Innenhof. Wie bereits erwähnt ist das Klima dort auch angenehmer, da zumeist ein leichter Wind zu spüren ist.

Zur Zeit sind neben mir zwei weitere MoGs (Musiker ohne Grenzen) im Projekt. Lisa und Madita spielen beide Klavier. Die Nachfrage nach Klavier ist so groß, dass obwohl ich auch einige Klavierschüler habe, die Warteliste weiterer Schüler stetig wächst. Anfang Oktober kommen noch zwei weitere Freiwillige, die dann mit Geige, Schlagzeug und Gitarre noch einige andere Instrumente unterrichten.

Zu den Lehrern der Ola Sinfónica gehören aber nicht nur wir MoGs. An zwei Nachmittagen unterrichtet Doris im Innenhof Trompete. Doris kommt ursprünglich aus Alaska, ist aber nach Playas ausgewandert. Auch wenn sie verglichen mit uns Deutschen nur recht wenig Zeit im Cacique verbringt, ist sie ein wichtiger Teil der Ola Sinfónica. Nicht benötigte oder kaputte Instrumente lagern (und wenn möglich reparieren) wir bei ihr, und auch unser Surfboard (die Freiwilligen des letzten Jahres haben ein Surfboard gekauft, das jetzt immer an die nächsten Freiwilligen weitergegeben wird) liegt bei ihr. Sie erhält außerdem immer wieder Sachspenden für das Projekt aus den USA. Da sie seit Jahren mit den MoGs zusammenarbeitet, besitzt sie viel Erfahrung, wenn es bspw. um die Organisation und Durchführung von Konzerten geht. Für mich ist außerdem schön, dass ich in ihr jemanden gefunden habe, der jazzinteressiert ist.

Doris und ich mit einigen Schülern nach einem kleinen Konzert

Ein weiterer Lehrer der Ola Sinfónica ist Roberto. Er ist fest angestellter Gitarrenlehrer, der jeden Tag im Cacique ist und neben dem Gitarrenunterricht auch einen kleinen Chor leitet. Dass er blind ist, stellt dabei überhaupt kein Hindernis dar.

Lisa, Madita und ich (die „Gringos“ von links nach rechts), Roberto (mit Gitarre) und Schüler nach einem Geburtstagsständchen

Wir Deutschen unterrichten zur Zeit montags bis freitags, vormittags und nachmittags. Einzige Ausnahme stellt der freie Mittwochvormittag da, den wir uns jede Woche gönnen. Bis vor kurzem haben wir Dienstagsvormittags außerdem an einer Schule unterrichtet, nach einem Abschlusskonzert haben wir dieses Projekt aber vorerst beendet. Zur Zeit komme ich mit ca. drei Stunden vormittags, und drei bis vier Stunden nachmittags auf fast dreißig Unterrichtsstunden im Cacique. Das ist, wie ich finde, ziemlich viel. Zur Zeit bin ich aber sehr motiviert, das Unterrichten macht mir sehr viel Spaß und ich habe tolle Schüler. Sollte mir das aber irgendwann zu viel werden, kann ich problemlos auch einige Stunden kürzen.

Eine Unterrichtseinheit dauert bei mir 45min, wenn es gerade gut läuft auch mal etwas länger. Einplanen tue ich nämlich für jede Klasse eine Zeitstunde, da man immer mit etwas ecuadorianischer Unpünktlichkeit rechnen muss und ich außerdem auch meine Pausen brauche. Während ich meine zurzeit sechs Klavierschüler größtenteils nur einmal die Woche unterrichte, ist mir wichtig, dass meine Saxophonschüler mehrmals die Woche Unterricht haben. Zur Zeit habe ich vier Saxophonschüler, die jeweils zweimal die Woche kommen, und zwei weitere, die sogar drei Unterrichtseinheiten wöchentlich bekommen. Hinzu kommt eine Bassschülerin, die unbedingt weiterhin Bassunterricht auch ohne Basslehrer haben möchte, und mit der ich somit etwas improvisiert Akkorde und auch einzelne Stücke übe, zu denen ich dann auf einem anderen Instrument die Melodie spiele. Außerdem habe ich zwei Celloschüler übernommen. Die beiden haben, seitdem es keinen Lehrer mehr für sie gibt, gemeinsam selbstständig weitergeübt (einer besitzt ein Cello, der andere leiht sich unseres aus), brauchten dann aber doch musikalische Unterstützung. Darum habe ich ihnen ein Stück arrangiert, das ich nun mit ihnen einübe und außerdem auf der Klarinette (ich bringe mir gerade bei die zu spielen) mitspiele. Wenn in wenigen Tagen aber mit Aila eine Geigenlehrerin kommt, werde ich ihr die Celloschüler aller Voraussicht nach übergeben, da sie im vergleich zu mir auch auf die Technik achten kann.

Die meisten Schüler besitzen das Instrument, das sie bei uns lernen, selber nicht. Deswegen ist uns auch mehrmaliges wöchentliches Unterrichten so wichtig. Außerdem können die Schüler jederzeit ins Cacique kommen und üben. Wir besitzen nämlich fast jedes Instrument mehrfach, so dass ich bspw. ein Saxophon für meinen aktuellen Schüler habe, und ein zweites, das ich bei Bedarf zum selbständigen Üben herausgebe (ich spiele auf meinem eigenen Saxophon, das ich mitgenommen habe).

In der Ola Sinfónica gibt es keinen Chef oder Vorgesetzten, der sagt wie sich das Projekt entwickeln soll. Somit organisieren wir unsere Stundenpläne selbstständig. Auch wie wir das Projekt außerhalb des Instrumentalunterrichts voranbringen liegt in unserer Hand. Wir besitzen also recht große organisatorische Freiheit mit vielen Möglichkeiten, dadurch aber auch einiges an Verantwortung.

Auch deshalb haben wir die Tradition der vorherigen Freiwilligen übernommen, und veranstalten jeden Freitag „Reuniónes“, zu denen alle Schüler eingeladen sind und in denen anstehende Ereignisse, allgemeine Entwicklungen, aber auch die Zukunft des Projektes diskutiert werden. Anschließen geben wir Theorieunterricht. Die Themen, die wir dort behandeln, sind recht simpel (zur Zeit Dur- und Moll-Dreiklänge), der Unterricht erfreut sich aber großer Beliebtheit und es wird fleißig mitgeschrieben. Dass anschließend noch im Innenhof Fußball gespielt wird, ist auch eine sehr populäre Tradition.

Für die Zukunft ist es unser Ziel, unsere Schüler auch mehr in Ensembles spielen zu lassen. Es existiert bereits eine Band, die selbständig mehr oder weniger wöchentlich probt.

Zurzeit bereiten wir unsere Schüler auf ein Konzert vor, das wir in knapp zwei Wochen im Cacique veranstalten. Anschließend werden wir uns dann langsam aber sicher der Weihnachtsmusik widmen.

1 Kommentar

  1. Hey Tobias, super schön mal wieder so detailliert was aus dem Projekt zu hören! Danke für den ausführlichen Bericht aus meiner Herzensstadt!
    Liebe Grüße aus Deutschland, Paula

Kommentare sind geschlossen.